Bücher, schnell gelesen: Teil 1.582

Jerry A. Lang – Black Heart Fades Blue Vol. 1 (Rare Bird Books, 2022)

Gelesen: 25.04. – 06.05. (netto 606 Seiten, in Englisch gelesen, wird ehr nicht in Deutsch erscheinen)

Jerry A. Lang ist ebenso wenig von Poison Idea wie von Portland zu trennen. Dachte ich. Aber nach den drei Bänden seiner Autobiographie gibt da was anderes, von dem er noch schwerer zu trennen ist: Drogen. Und Alkohol.

Poison Idea sind seit langem ganz oben in meiner “geile Band, geile Songs” Liste – laut Discogs hab ich immerhin 20 Veröffentlichungen von ihnen (plus eine Gift CD, ein großartiges Projekt das Jerry mit seiner Frau Mary hatte).

Und Live waren sie immer ein echter Hammer, immer gefährlich. Und klar hab ich mitbekommen das sie keine Kinder von Traurigkeit waren, Alkohol sowieso, Drogen hab ich mir schon gedacht.

Ich hatte ja keine Ahnung.

Im ersten Band erzählt Jerry von seiner Kindheit und die war alles andere als gut. Seine Eltern haben sich früh getrennt und er pendelte zwischen Oregon und Montana hin- und her. Auf der einen Seite ein Kack Vater mit seinen eigenen Problemen und auf der anderen Seite eine Mutter, die sich dem Alkohol ergeben hat.

Mit 9 Jahren kam der Alkohol, mit 10 war er Alkoholiker. Und Mutter und Vater Ersatz für seine Geschwister.

Mit 16 macht er die Biege, ab nach Portland. Rein in die Punkszene. Halb obdachlos und immer auf der Suche nach dem Kick: Musik, Alkohol, Drogen. Und irgendwann selber Musik machen.

Im zweiten Band geht es eigentlich um Poison Idea aber in Wirklichkeit um Drogen. Irgendwann war alle (und wirklich alle) Bandmitglieder am Drücken, Rauchen oder Schniefen. Und Tom aka Pig Champion, vom Beruf Kokain Dealer, finanziert die ersten Platten. Aber im Grunde ein unfassbares Elend – und Jerry nimmt hier kein Blatt vor den Mund (und verteidigt oder entschuldigt auch nichts, er sagt “das war ich”).

Ein schönes Beispiel war Gift, ein zwischenzeitliches Project als Poison Idea mal wieder auf Hiatus waren: Mit seiner Frau Marry hatte er ein großartige 3 Mann Kombo am Start, die ich 1996 auch im alten Knust an der Brandstwiete gesehen habe (und mit Jerry ein paar Schnaps getrunken habe).

Alle 3 waren Volljunkies und jeder morgen auf der Tour war mit Drogenbeschaffung voll ausgelastet – sonst hätten sie nicht spielen können. Trotz großer Chancen haben sie es verkackt und sind als Wracks nach Portland zurückgekommen…

( (c) Jerry A. Lang / Rare Bird Books 2022)

Im dritten Band geht es dann um das Ende von Poison Idea (eigentlich mit dem Tod von Tom 2006 besiegelt) und um die Feinheiten des Musikgeschäftes: Geld musste her für Drogen und deswegen wurden Platten rausgebracht oder Konzerte gespielt – jeder $ ging in die Drogensucht. Jeder. Mit allem was dazugehört: Freunde beklauen, Dealer abziehen etc pp. … aber auch die ersten Versuche da raus zu kommen.

( (c) Jerry A. Lang / Rare Bird Books 2022)

Am Ende schlägt die Liebe zu und Jerry schafft es nicht als Wrack zu sterben. Geld kommt immer noch über Touren rein, auch nach Hamburg zurück kam die späte Inkarnation von Posion Idea 2x und Jerry sah wieder besser aus.

Eigentlich ein Buch für alle die glauben eine Musikkarriere erlaubt ohne Verlust auch eine Drogenkarriere. Listen and Learn!

Jerry A. Lang – Black Heart Fades Blue Vol. 2 (Rare Bird Books, 2022)
Jerry A. Lang – Black Heart Fades Blue Vol. 3 (Rare Bird Books, 2022)

Auch wenn der Drogenkram sehr viel Platz einnimmt wirkt er nie überlang, da Jerry ein kurzweiliger Erzähler mit einer ehrlichen Sprache ist. Spannend natürlich auch kleine Details wie zB was Jerry und Tom mit 60.000$ Tantiemen machten, die sie für ein Cover von Pantera bekamen das im Film “The Crow” im Soundtrack Erfolg hatte:

Jerry hatte zwar kein Konto aber einen Anwalt, der seine Schecks entgegen nahm. Tom hatte kein Konto, er bekam eine Tüte mit Bargeld. Jerry kaufte Drogen und Musikzubehör (das später für Drogen wieder vertickt wurde), Tom kaufte nur Drogen.

Ein unterhaltsames Buch, weniger über Musik und Posion Idea sondern mehr darüber, wie Drogen selbst den härtesten kaputt machen. An weite Teile der end-80er und der 90er hat Jerry quasi keine Erinnerung mehr. Und sein Körper hätte nicht mehr lange mitgemacht…

Band 1 mit 255 Seiten, Band 2 mit 205 Seiten und Band 3 mit 146 Seiten – 606 insgesamt

BTW: So müssen Bücher über Musik sein, ein Protagonist der dabei war erzählt alles. Alles. Und dazu lernen wir noch eine ganze Menge über Portland, darüber wie sich die Stadt entwickelt hat und das Jerry einen sehr weiten Musikgeschmack hat.

Soundtrack dazu: Gift – Sinking Ship, was sonst?

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.581

Celeste Bell with Zoe Howe – Dayglo (Omnibus Press, 2019)

Gelesen: 22. – 24.04.2022 (netto 200 Seiten, in Englisch gelesen, wird ehr nicht in Deutsch erscheinen)

Und nochmal Punk, London, 1976. Allerdings keine Band mit einem großen Output: X-Ray Spex haben im Grunde eine Single und eine LP rausgehauen – dann sind sie implodiert weil die Sängerin (und Erfinderin der Band) implodiert ist.

Das Buch wird der Künstlerin Poly Styrene mehr als gerecht, vor allem auch weil es im Großformat und mit vielen Fotos und Grafiken bestückt ist. Kein Wunder, nach ihrem Tot hat ihre Tochter Celeste ihr Erbe übernommen und sorgfältig kuratiert.

Poly Styrene (eigentlich Marianne Joan Elliott-Said) war für die frühe Punk Zeit eine doppelte Aussenseiterin: Mutter weiß, Vater aus Somalia. Und eine Frau. Sie kam aus Brixton, war erst Hippie, dann versuchte sie sich erstmals als Sängerin … allerdings mit eine rein weißen Studioband:

Sie hatte damit keinen Erfolg, versuchte es als Modeschöpferin und geriet damit in den Umkreis der Kings Road. Von da zu einem Konzert der Sex Pistols am 03.07.1976 (ihrem 19ten Geburstag) war es dann nur ein kurzer Weg.

Alle ihre Energie steckte sie in ihre Idee einer Band: Design, Look und Sound (wenn auch der Sound der großartigen Germ-Free Adolsecents LP (ebenso wie die Sex Pistols LP) ein kleine wenig zuviel Hardrock abbekommen hat). Dennoch ein Meilenstein, vor allem auch wegen der Nutzung eines überraschenden Instruments – das Saxophon bestimmt hier den Sound.

Und die Rampensau war Poly Styrene, schräg gekleidet in ihren eigenen Kreationen.

Und dann war X-Ray Spex nicht mehr. Und Poly Styrene … verschwand. Irgendwann habe ich mitbekommen “die ist jetzt Hare Krishna” und damit war sie aus meinem Sichtfeld verschwunden. Die kleine BBC Docu “Who is Poly Styrene” gibt ein paar kleine Hinweise darauf das nicht alles in Ordnung ist.

Fast Forward 1993: Mit etlichen Hamburgern bin ich in der Brixton Academy um ein Comeback von X-Ray Spex (mit Sham 69 und UK Subs) zu erleben. Und danach … wieder Funkstille.

Denn was ich nicht wusste: Poly Styrene hatte durchaus ernste mentale Probleme und war wieder und wieder in Behandlung. Am Ende – viel zu früh in 2011 – starb sie mit 53 an Brustkrebs.

Das Buch ist entlang der Zeitlinie aufgebaut, eine perfekte Mischung aus O-Ton von Poly Styrene, Oral History von Weggefährten und Memorabilia. Dazu imaginäre Briefe der Tochter an die Mutter (da diese früher auch oft mit ihrer Tochter über Briefe kommuniziert hat). Und jede Menge Huldigung für die Vorreiterrolle von Poly Styrene als weibliche Künstlerin. Vor allem die Riot-Girls aus den US of A erzählen wiederholt das sie erst spät über X-Ray Spex gestolpert sind … und hin und weg waren.

Und warum? Darum:

Some people think little girls should be seen and not heard

But I think “oh bondage, up yours!”

One-two-three-four!

(Intro zu “Oh Bondage! Up Yours!)

Perfekte Erinnerung – jetzt müsst ihr auch den Film gucken!

Soundtrack dazu: Neneh Cherry – Germ Free Adolescent, was sonst?

PS: Du möchtest mehr?

At their Top:

Celeste im Interview mit John Robb:

Der Film (lohnt!):

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.580

Louie Shelley with Pete Shelley – Ever Fallen In Love (The Lost Buzzcocks Tapes) (Octopus Publishing, 2021)

Gelesen: 19. – 22.04.2022 (netto 308 Seiten, in Englisch gelesen, wird ehr nicht in Deutsch erscheinen)

Die Buzzcocks. Die Urväter des Pop Punks. Die, die das erste Konzert der Sex Pistols in Manchester am 04.06.1976 organisiert haben. Die, die dem Punk in Manchster die Initialzündung verpasst haben.

Die, mit den tollen Platten. Die, mit den tollen Songs. Die, mit dem großartigen LP und Single-Design. Und die, die immer eine Flasche Champagner im Backstage-Rider stehen hatten – no Champagne, no Show.

Pete Shelley (eigentlich Peter Campbell McNeish) ist am 06.12.2018 mit 63 viel zu früh an einem Herzinfarkt gestorben, dieses Buch ist dabei ehr ein Zufall als eine geplante Biographie: Louie Shelly, Journalistin, war schon länger im Buzzcocks Umfeld zugange und hatte mit Pete – der inzwischen aus London nach Estland weggezogen war, wo er ein ruhiges Leben mit seiner estnischen Frau Greta führte – lange Gespräche über seinen Werdegang und die Buzzcocks im speziellen. Das Ziel war ehr lose definiert und bevor es klarer definiert war … verstarb Pete.

Das Buch beginnt mit Vorwörtern (Henry Rollins, Kid Strange) und einer Rückschau auf die Jugend von Pete im Leigh der 60er Jahre. Dann geht es am Zeitstrahl von Konzerten und Platten (vor allem Single) Veröffentlichungen die die Wort-für-Wort wiedergegebenen Gespräche.

Das Buch verrät dabei wie im vorbeigehen viel privates, konzentriert sich aber weitestgehend auf die Musik: Wie ist ein Song entstanden? Wie wurde aufgenommen? Wie kommt der Rest dazu (Cover, Marketing, Touren). Spannend, aber der Leser merkt auch das das ganze noch im Status einer Materialsammlung war und die Zielrichtung nicht festgelegt war.

Zum Glück gibt es ordentlich Material links und rechts, zB diese großartige Abrechnung der Einnahmen und Ausgaben der Buzzcocks vom August 1977 bis August 1978 (die damals im Fan-Club Fanzine veröffentlicht wurde):

(c) 2021 Octopus Publishing

Das englische Pfund war damals so ca. 4 DM wert, die Buzzcocks zahlten sich also 120 DM pro Woche und hatten 2,8 Millionen DM Einnahmen und jede Menge Ausgaben – am Ende blieb ein Gewinn vor Steuern von ca. 12.000 DM über. Spannend wäre noch, wer Royalties kassiert hat – United Artists? Ihr Management?

Da ich dort “advances” lese denke ich mal das sie damals wie alle anderen von den Plattenfirmen “ausgenommen” wurden. Der Vorschuss war ja immer der Trick eine Band unter Vertrag zu bekommen … und dann wurde dagegen verrechnet.

Für jeden Fan ein must have, keine Frage. Vor allem weil es letztendlich wieder zeigt das es Bands gibt um Geld zu machen und es Musiker gibt, die einfach nur die Musik lieben (und damit ein Auskommen hinbekommen).

Spoiler: Ein Teil der Buzzcocks Hit hatte Pete bereits 1973 für eine seiner ersten Bands geschrieben!

Was bleibt? Das musikalische Vermächtnis – allein dieser Single-Output ist zum dahinschmelzen. Leider sind in meiner Sammlung nur 3 davon, zurecht sind die ordentlich bepreist bei Discogs.

Der größte Teil schaffte es in die Charts. Und damals bedeutete das das tatasächlich jede Menge physische Singles in Plattenläden verkauft worden sind. Und jede ist es Wert rauf- und runter gehört zu werden.

Was bleibt noch? Das visuelle Vermächtnis – es gibt kaum eine Band aus der frühen Punk Zeit die so viele ikonische Cover erschaffen hat bzw. durch Malcolm Garrett hat erschaffen lassen. Und ich liebe gut gemachte Cover für Singles und LP’s.

Und natürlich Fotos wie dieses – gibt es ein bessere Illustration für einen Song?

Buzzocks – Ficton/Romance

Ich habe die Buzzcocks leider nicht oft genug Live gesehen, das ärgert mich dann doch. Aber in bester Erinnerung behalte ich sie und ihre Musik absolut. Danke Pete!

Soundtrack dazu: Buzzcocks – Singles Going Steady, was sonst?

PS: Wer tiefer eintauchen mag…