Bücher, schnell gelesen: Teil 1.489

Éric Plamondon – Taqawan (Lenos Polar, 2020)

Gelesen: 17. – 18.11.2020, netto 189 Seiten

Hourra! Un nouveau genre est trouvé!

Ein solches Buch habe ich noch nicht gelesen – eigentlich sind es 3 Bücher in einem.

Zum einen ein historischer Abriss der Geschichte der Indianer in Kanada, hier insbesondere die Miꞌkmaq. Dann ein Überblick über ihre Bräuche und Legenden. Und dann eine kleine Kriminalgeschichte in Mitten einer Auseinandersetzung der Regionalregierung und -polizei von Quebec mit den Mi’kmaq 1981.

Vor dem Hintergrund von mageren 189 Seiten ist das ein wenig viel, also gibt es das ganze hochgradig kondensiert. Aber wer sich die Mühe macht allen Referenzen zu folgen, alle Fußnoten zu lesen und ein wenig hin und her zu springen dem eröffnet sich ein volles Bild:

Die Natives (früher Wilden) waren bis weit in das 19 Jahrhundert nichts als wehr- und machtlose Kinder (sogar per Gesetz), mit denen man machen konnte was man wollte. Wenn sie störten kamen sie weg. Wenn sie Fische fingen, die andere haben wollten wurden ihre Netze zerstört.

Vor diesem Hintergrund läuft ein kleiner Krimi, bei dem ein Mi’kmaq Mädchen von Polizisten vergewaltigt wird, eine Ranger sich mit großmäuligen Weißen anlegt und am Ende 6 Leichen übrigbleiben. Auf der Seite der Bösen. So wie es sein soll. Alleine diese Geschichte hätte ehr so 350 Seiten verdient.

Ein feines Buch, schnell zu lesen, und eine feine Anklage an die weißen Herrscher über das Land. Damals. Und zu weiten Teilen noch heute.

Soundtrack dazu: Brutal Chérie – Trop souvent envie de mourir, was sonst?

PS: Worum es ging? Darum:

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.488

Mike Knowles – Tin Men (Polar Verlag, 2020)

Gelesen: 12. – 16.11.2020, netto 320 Seiten

Hach, ein weiteres tolles Buch im Polar Verlag und ein weiteres Buch das aus Kanada kommt. Ganz offensichtlich (und das wird im exzellenten Nachwort von Marcus Müntefering klar) kommen daher klasse Krimis. Da muss ich tiefer einsteigen!

Nicht jeder Cop ist dreckig, aber die guten schon.

Perfektes Leitwort für dieses Buch, das sowas wie eine Cop Studie ist. 3 Tin Men (also herzlose Wesen aus Der Zauberer von Oz) werden vorgestellt:

Oz, der gewalttätige Cop der bisher immer davon gekommen ist. Woody, der drogensüchtige Cop (den eine Familientragödie in die Sucht getrieben hat) und Dennis, der fette Einzelgänger Cop mit der exzellenten Aufklärungsquote (der Angst davor hat das seine Sucht nach transsexuellen Prostituierten bekannt wird).

Alle drei werden aus dem normalen Trott herausgerissen, da eine Kollegin ermordet wurde. Genauer: Ausgeweidet wurde. Noch genauer: Der hochschwangeren Kollegin wurde das lebende Baby herausgeschnitten.

3 Cops, 3 Ansätze. 2 Teams (Dennis muss alleine ermitteln). Und noch mehr Tote. Udn Geheimnisse: Os ist nämlich der Vater des Kindes. Das ahnen die anderen beiden aber nicht.

Am Ende gibt es einen toten Cop, eine Cop der wohl in den Knast wandert und einen Cop der den Fall löst. Interessiert nur keinen, da es ja wieder einen toten Cop gibt.

Ein ganz großartiges Buch über Polizeiarbeit und Polizeirealität, gewalttätig lustig, verängstigend brutal und hochgradig ansteckend. Und ganz wunderbar lakonisch.

Im Opus von Mike Knowles ein Solitär – mal sehen ob das so bleibt.

Soundtrack dazu: Kremlin – No Hope For You, was sonst?

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.487

George Pelecanos – Das Dunkle Herz Der Stadt (Ars Vivendi, 2020)

Gelesen: 09. – 11.11.2020, netto 238 Seiten

George Pelecanos hat es drauf. Er schreibt Geschichten über das echte Amerika. Das Amerika, das sein dunkles Herz in Washington, DC hat.

So oder so.

Im Original ist der Titel „Down By The River Where The Dead Men Go“ und ist damit ein klein wenig smarter als der deutsche Titel. Denn da unten am Fluss, da wacht Nick Stefanos nach einem weiteren Alkohol Blackout auf und er innert sich Dunkel, das er wohl einen Mord mitbekommen hat.

Pelecanos erzählt den Abstieg in die Blackouts mit viel Street Credibility, vor allem für mich der DC/HC zu einem sehr lieb gewonnenem Genre zählt…

George Pelecanos ( (c) Ars Vivendi 2020)

Irgendwas an diesem Mord an einem schwarzen Teenager berührt Nick und irgendwie spornt ihn die Einschätzung der Polizei (Drogenmord) an, der Sache auf den Grund zu gehen.

Als Barkeeper und Alkoholiker nicht einfach, als Alkoholiker mit einer Freundin die ein Alkoholproblem hat noch schwerer – also schießt er die Beziehung in den Wind und verbeißt sich an dem Fall. Und ab hier wird das eine wunderbar stringente Story, bei der Nick nicht aufgibt bevor er nicht vor dem Schuldigen steht. Und dieser zur Rechenschaft gezogen wird. Und das führt zu … noch mehr Toten.

Drogen, Gewalt, Rassismus und Schwulenpornos verspricht der Klappentext. Alles wird gehalten, mit einer ordentlichen Portion Street Credibility. Und das beste: Wo andere 500 Seiten brauchen, packt Pelecanos das in ganze präzise Sprache und in ganz Präzise Darstellungen … und wenig mehr als 200 Seiten.

Ein ganz großer Autor, ein ganz feines Buch. Immer mehr davon bitte!

Soundtrack dazu: Minor Threat – In My Eyes, was sonst?

PS: Und warum? Darum:

You tell me that nothing matters
You’re just fucking scared
You tell me that I’m better
You just hate yourself
You tell me that you like her
You just wish you did
You tell me that I make no difference
Well at least I’m fucking trying
What the fuck have you done?