Bücher, schnell gelesen: Teil 1.478

Chris Holm – Des Teufels Vollstrecker (Knaur, 2020)

Gelesen: 14. – 15.09.2020, netto 339 Seiten

Chris Holm ist ein durch-und-durch sympatischer Autor:

I’ve been obsessed with music for as long as I can remember.

My childhood was filled with the pop and crackle of my parents‘ vinyl. My adolescence, chock-a-block with mixtapes and hardcore punk matinees. In college, my best friend and I had a radio show that was on so late, nobody listened, but we didn’t care; we were too busy dancing around the booth like idiots. And my wife and I have road-tripped to see amazing bands play lousy venues more times than I can count.

Da fühle ich mich gleich zuhause!

Das erste Buch seiner Michael Hendricks Serie hatte ich gelesen bevor ich meinen Lesesrhythmus hier dokumentiert habe, „So Was Von Tot“ ist hiermit allen nochmal ans Herz gelegt.

Des Teufels Vollstrecker“ ist im englischen Original Red Right Hand und referenziert einen Song von Nick Cave:

You’re one microscopic cog
In his catastrophic plan
Designed and directed by
His red right hand

Und so sieht das für Michael auch aus. Er hatte sich mit seinem Geschäftsmodel „Ich kille deinen Killer“ mit den falschen angelegt – der Mafia – und muss immer noch mit den Folgen kämpfen. Im Rahmen seines Rachefeldzuges gerät er dem Rat (sowas wie eine Kriminellen UN) wieder in die Quere, aber nicht nur diesem. Und versucht den katastrophalen Plan aufzuhalten.

Das Buch hat Tempo (viel Tempo), das Buch hat Witz (viel Witz), das Buch hat Härte (viel Härte) und das Buch ist (war, 2016 geschrieben) mit sehr aktuellen Bezügen: Das FBI bekommt die Ermittlungen in einem Islamistischen Terrorfall in San Francisco entzogen und wird durch eine private Sicherheitsfirma (die auch schon dem Pentagon im Irak diente) ersetzt.

Erst spät erkennen wir, das dieses auch wieder nur durch den Rat geschieht. Um Spuren zu verwischen. Um Geld zu verdienen. Da Michael Hendricks aber clever und hart ist, kommt er diesen Dingen auf die Spur. Mit einer jungen und klugen (aber nicht harten) Assistentin, einem ehemaligen Militärkollegen, einer FBI Agentin und mit einem ehemaligen Mafiakiller, der eigentlich tot sein sollte, schmiedet er eine Allianz und macht sich daran zurückzukeilen.

Um am Ende als Racheengel beim Sekretär des Rates (the red right hand) aufzutauchen. Kleiner Seitenspass für den geneigten Krimi Connoisseur: Der Sekretär hat den Namen Sal Lombino.

Und hier schließt sich der Kreis von Nick Cave zu Milton:

What if the breath that kindl’d those grim fires
Awak’d should blow them into sevenfold rage
And plunge us in the flames? or from above
Should intermitted vengeance arm again
His red right hand to plague us?
(John Milton – Paradise Lost)

Ein wirkliches flottes Buch, absolut überzeugend. Jede Menge Kopfkino (und definitiv eine Verfilmung wert). Jede Menge kleine Schmunzelspuren. Leider hat sein Verlag in den US of A nicht so gesehen … es gibt bisher kein neues Buch.

Schade. Echt schade.

Soundtrack dazu: The Headboys – The Shape Of Things To Come, was sonst?


Caeser's praying for rain, lightning flashes around
The prophet is screaming, his head hits the ground
You should hear the warning if you read the signs
Play with your own life but don't play with mine

There was Moses and me when the wind took the change
He hands out the menu, he moves out of range
If you knew the action, you see us so blind
Play with your own life but don't play with mine

Oh oh oh oh
The shape of things to come

You're not invited to stay, you're not intended to go
Can you tell the future? I don't think so
You should hear the warning if you read the signs
Play with your own life but don't play with mine

The shape of things to come

You're living your way, I live in mine
May be tomorrow we will collide.

PS: Chris Holm hat auch noch eine coole andere Serie (mit coolen Buch Covern) am Start, leider bisher nicht in Deutschland erschienen:

Meet Sam Thornton. He collects souls. The souls of the damned, to be precise. Condemned to an eternity of servitude to hell thanks to a devil’s bargain he made to save his dying wife, his gig is part penance, part punishment, and all suck. But working for the man downstairs doesn’t keep Sam from trying to do what’s right…

Chris Holm – The Collector Trilogy

PPS: Und an einem tollen Buch über Power Pop hat er auch mitgearbeitet. Wow.

Go All The Way: A Literary Appreciation of Power Pop by Paul Myers and S. W. Lauden
(Rare Bird, 2019)

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.477

Max Annas – Der Fall Melchior Nikoleit (Rowohlt, 2020)

Gelesen: 10. – 13.09.2020, netto 322 Seiten

Ein Krimi der im realen Sozialismus der DDR spielt, im Jahr 1985. Max Annas hat bereits ein Buch über die Morduntersuchungskommission geschrieben, das habe ich nicht gelesen.

Hier bin ich dem läppischen Kommentar einer Vertrauensperson gefolgt „da geht es auch um Punk in der DRR, Punk ist doch dein Ding“ und habe zugegriffen.

Das Buch passt zum Setting: Die DDR war grau, trist, voller kleiner Fluchten (bei den Polizisten in Alkohol, bei der Jugend in westliche Jugendkulturen wie zB Punk) und überhaus straff organisiert. Welcome back Abschnittsbevollmächtigter!

Ein junger Punk ist Tod und sein Tod war kein Unfall. Da die sozialistische Gesellschaft der DDR ja nur den guten Menschen herausbringt sind Mörder natürlich eine schreckliche Ausnahme – ein Makel. Da muss schnell eine Lösung her.

Was Max Annas gut hinbekommt ist eine passende Atmosphäre zu schaffen: Sei es bei den entweder desillusionierten oder demotivierten oder stamm sozialistischen Polizisten eine beklemmendes Gefühl zu schaffen (das sie nämlich nicht frei untersuchen können) oder bei den Punker, die Punk Musik aus dem West-Radio analysieren (großartig: die Deduktion von Richard Hell – Blank Generation über 4 Seiten, sowas haben wir bei unser Punk Entdeckung 1979 auch gemacht):

I was sayin‘ let me out of here before I was even born,
it’s such a gamble when you get a face
It’s fascinatin‘ to observe what the mirror does
But when I dine it’s for the wall that I set a place

I belong to the blank generation and I can take it or leave it each time
I belong to the generation but I can take it or leave it each time

Das Ding ist spannend aber ohne Spannung zu erzeugen. Die gelegten Fährten sind zu einfach (und zu plakativ). Und es hat letztendlich keinen Pfiff, keine Überraschung. Zutiefst DDR, oder?

Ich glaube mehr mag ich davon nicht lesen. Lieber ein pass MfS Akten.

Soundtrack dazu: Richard Hell – Blank Generation, was sonst?

PS: Das Buch ist Matthias Domaschk gewidmet – ein Stasi Opfer. In diesem Kontext hat das Buch allerdings durchaus Sinn.

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.476

Georg Hermann – Kubinke (Die Andere Bibliothek, 2019)

Gelesen: 08. – 09.09.2020, netto 331 Seiten

Und nochmal was aus dem letzten Jahrhundert – die Buchreihe der Anderen Bibliothek ist auch zu schön (in der Haptik sowieso, manchmal auch in den Büchern selbst).

Diesmal kein Reisebereicht sondern ehr eine kleine Milieu Studie aus dem Berlin von 1908. Zwei Dinge haben mir dabei das schmunzeln ins Gesicht getrieben:

Zum einer ist der Erzähler mit einer ganz wunderbar süffisanten Erzählweise unterwegs: Immer lustig aber im Grunde auch immer Böse. Aber auch das Böse wird immer lustig verpackt. Echt gelungen.

Zum anderen bekommen die handelnden Personen nur echte Berliner Schnauze aus dem Mund und die wird hier auch so gedruckt:

( (c) Die Andere Bibliothek, 2019)

Das Buch ist ganz wunderbar aus der Zeit gefallen, es stellt den Berliner Westen (das war damals wohl Charlottenburg) in epischer Breite da. Und von ganz hinten ist dabei dann auch immer die richtige Einordnung dabei:

Wo noch vor kurzem bunte Knabenkräuter im Maiwind ihre Blüten gewiegt hatten, da trieb  jetzt nur noch die Bauspekulation und der Häuserschwindel seine Blüten. Pferde wurden geschunden, Arbeiter um ihren Lohn gebracht; Handwerker betrogen. Die Häuser gingen von Hand zu Hand, wechselten dreimal den Besitzer, ehe sie fertig wurden. Wo heute ein Käsegeschäft war, war morgen ein Schuhgeschäft; und übermorgen standen elektrische Lampen im Fenster.

Jetzt natürlich, zu der Zeit, da unsere Geschichte beginnt, am ersten April 1908, da war unsere Straße eben hochherrschaftlich geworden. Man fühlte ordentlich, wie die Mieten stiegen.

Und der Held, der junge Barbier Kubinke, ist der sprichwörtliche (stille) kleine Mann der in einer Klassengesellschaft seinen Platz und sein kleines Glück sucht.

Und am Ende aus dieser ironischen Geschichte einen Krimi macht.

Das ganze wurde 1966 vom SFB verfilmt und hat es dann doch auf 4 (vier!) Austrahlungen gebracht. Das ist aber nicht die einzige Tragik – Georg Hermann war ein Deutscher jüdischen Glaubens und wurde am 19.11.1943 in Auschwitz ermordet.

Und ist seitdem vergessen.

Soundtrack dazu: Sick Horse – Master Ace, was sonst?

PS: Book Collectors are pretentious assholes – #2173 der nummerierten Erstausgabe!