Bücher, schnell gelesen: Teil 1.568

Alan Parks – Bobby March Forever (Heyne Hardcore, 2021)

Gelesen: 09. – 12.01.2022, netto 415 Seiten

Die Bücher von Alan Parks sind einfach großartige Geschichten aus einer Zeit Anfang der 70er als Glasgow noch eine echte Vollkatastrophe war: Übermackert (gerade auch die Polizei), versoffen, dreckig und arm.

Im dritten Band der McCoy Serie hat nicht nur der Sommer die Stadt im Hitzegriff sondern auch H: Ein mehr oder weniger berühmter Musiker (eben Bobby March) wird tot aufgefunden, eine Überdosis H ohne Fingerabdrücke von ihm auf der Spritze. An allen Ecken poppen Drogen auf, die Jugend will was erleben (und nicht in miefigen Pubs abhängen).

Dazu ist McCoy im Würgegriff seines ärgsten Rivalen bei der Polizei und bekommt daher keine spannenden Aufträge mehr. Nur noch Kleinkram. Oder Privataufträge von einem Chef.

Im Frühling der Serie (“March“) schafft es Alan Parks all diese Dinge nicht nur sprachlich wunderbar zu zeichnen sondern kleine Pflanzen der Hoffnung zu setzen: Auch bei der Polizei gibt es clevere Frauen. Auch die Bösen können weiblich sein. Und die Opfer sind es sowieso, es sei denn sie sind männliche Verdächtige, dann sind sie schon verurteilt.

Das ganze Elend verdichtet sich dabei wunderbar, McCoys Rivale verkackt den großen Fall und McCoy stolpert ungewollt darüber das seine unwichtigen Fälle irgendwie alle zusammenhängen. Und ab da wird es dann auch richtig schön hard-boiled: Befragungen mit dem Bolzenschneider (Finger um Finger zur Wahrheit) und zertrümmerte Kniescheiben zeugen von einer Gesellschaft in der es … einfach nicht genug Waffen gibt.

Ich mag die Atmosphäre (Detective wurschtelt sich clever durch), ich mag die Musik-Referenzen (und die geniale Auflösung der Überdosis) und ich mag vor allem die Frauen in diesem Buch:

( (c) 2021 Alan Parks Random House)

Großes Kino aus Gewalt, Recht, Unrecht, Drogen, Musik, Missbrauch und jede Menge Fiesheiten. Polizisten die Rechtschaffenheit (nicht) und Recht schaffen (wenn sich lohnt) gepflegt unterscheiden.

Und daher freue ich mich schon auf den April. The April Dead.

Soundtrack dazu: The Lurkers – Heroin It’s All Over, was sonst?

PS: Und Alan Parks so? Der zeigt mir mein Kopfkino!

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.567

James Sallis – Sarah Jane (Liebeskind, 2021)

Gelesen: 05. – 08.01.2022, netto 209 Seiten

Ein Thriller der kein Krimi ist, muss ein Autor auch erstmal hinbekommen. James Sallis ist eigentlich “berühmt” für sein Buch Drive, das mit Ryan Gosling überaus erfolgreich verfilmt wurde. Auch irgendwie kein Krimi, aber überaus spannend.

Dito Sarah Jane, ein kleines aber feines Buch in dem wir Sarah Jane Pullmann, ex-Marine, für kurze Zeit durch ihr Leben begleiten.

Sarah Jane hat eine ganz einfache Philosophie: “Wir leben in Schneekugeln. Nimm sie in die Hand, schüttle sie kräftig, die Jahre wirbeln um einen herum und beruhigen sich dann.“ Was sie aber nicht kontrollieren kann ist, wer die Schneekugel schüttelt.

Und deswegen lebt sie am liebsten Anonym, irgendwo draußen auf dem Land und irgendwie am Rande der Gesellschaft. Job? Egal, sie kann fast alles und als Köchin kommt Frau immer unter.

Landen tut Sie aber in Farr und dort wird sie Polizistin. Und als der Sheriff verschwindet wird Sie sein Nachfolger. Und dann holt sie etwas ein, wo sie ganz energisch an der Schneekugel geschüttelt und eine Leiche im Badezimmer hinterlassen hat. Macht nichts, sie schüttelt nochmal und es gibt eine weitere Leiche.

Und Kollegen, die 1 und 1 zusammenzählen können. Aber keine Beweise haben.

Sehr spannend und vor allem immer wieder mit fast schon tiefgreifenden Rückblicken, die erklären warum Sarah Jane nach rechts oder links abgebogen ist… ohne dabei alles zu verraten oder zu erklären. Wir sehen eben nicht immer alles von den Menschen die uns gegenüberstehen.

Ein Road Movie ohne viel Road, ein Krimi ohne Festnahme und ein Thriller über das Leben am Rande des Fokus in den US of A. Und immer spannend und vorwärts. Klasse.

Da werd ich wohl ein paar Bücher nachholen müssen.

Soundtrack dazu: Pagans – Her Name Was Jane, was sonst?

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.566

Ivy Pochoda – Diese Frauen (Ars Vivendi, 2021)

Gelesen: 01. – 04.01.2022, netto 347 Seiten

Besser kann das Jahr nicht beginnen:

Nach Weihnachten die Batterien aufgeladen mit Blick auf die Nordsee (wenn nicht grad der Nebel des Grauens über die Dünen zog), zurück noch eine Woche Resturlaub und die erste Platte, die durch die Tür kommt, ist die großartige The Chisel LP.

Und wegelesen ein Buch das sich direkt für den Titel Buch des Jahres anstellt. Ganz vorne.

Ivy Pochoda hat mit ihrem Debüt direkt mein Buch des Jahres 2019 hingelegt. Und nach einem kleinen Ausflug nach NYC kommt sie mit Diese Frauen nach L.A. zurück.

Und genauso wie in Wonder Valley gibt es wieder die magische Zahl 5: Das Buch ist nicht weniger als der mehr als gelungene Versuch Serienmorde nicht aus der Sicht der Ermittler oder des Täters zu beschreiben, sondern aus der Sicht von 5 Frauen.

Einer Tänzerin (die ihr Geld mit körpernahen Dienstleistungen verdient).
Einer Mutter (die ihre Tochter an den Serienkiller verloren hat).
Einer Polizistin (die im wahrsten Sinne des Wortes zu kurz gekommen ist).
Einer Künstlerin (die vor ihrer Familie flieht).
Einer Ehefrau (die Regeln braucht um am Leben zu bleiben).

Dazu gibt es O-Ton von dem einzigen Opfer, das überlebt hat.

Und natürlich überkreuzen sich die Koordinaten der 5+1 Frauen: Alle leben entlang der Western Avenue, in Jefferson Park.

In einem Interview sagte Ivy Pochoda das der ganze Fetisch rund um Serienkiller sie genervt hat und sie daher eine neue Perspektive auf das Thema gesucht hat. Und die hat sie gefunden: Unglaublich coole Frauen mit jeder Menge street smartness … wo auf den zweiten Blick klar wird das diese smartness (und die coolen Worte) nicht weniger als ihr Überlebenselixier bzw. Schutzschild ist.

Und dazu jede Menge unausgesprochener Regeln: Wo darf ich was machen, wo darf ich wie lang … alles um Das Böse (das in vielen Formen kommen kann) zu vermeiden. Um zu überleben.

Und wie ein Hohn steht ihnen das LAPD mit seinem Slogan “To Protect and To Serve” gegenüber. Eine Mordserie über 17 Jahre – ignoriert. Der Hilfeschrei einer Überlebenden? Nicht gehört. Der verzweifelte Hinweis ein Ehefrau auf ihren Mann … in den Akten verstaubt. Und der einzige Cop der es merkt? Ist ein 1,40 große Latina die beim LAPD abgeschoben ist und ganz offensichtlich einen Hau hat.

Großartige Frauen, großartiger Rhythmus in der Geschichte und ein spannendes Ende ohne Happy End. Und ganz ohne Männer in einer Hauptrolle.

Ganz stark.

Und für mich als LA Crime Fetischist natürlich ein gelungenes Fressen.

Mehr davon. Bitte!

Soundtrack dazu: Futura – Amigo Policía No Existe, was sonst?

was sonst?

PS: Und Ars Videndi gebührt der Dank für das unveränderte Cover…

PPS: Und sie teilt ihre Lieblingsbücher mit ihrer Tochert (und vice-versa), definitiv eine großartige Frau.