Bücher, schnell gelesen: Teil 1.416

Mike Nicol - Sleeper (btb, 2019)
Mike Nicol – Sleeper (btb, 2019)

Gelesen: 24.09. – 02.10.2019, netto 497 Seiten

Der dritte Teil der Kapstadt Serie. Im ersten Teil lungerte im Hintergrund die Geschichte der Todesschwadronen im Aprheitregime, im zweiten Teil konnten wir einen durch und durch korrupten Präsidenten erleben und der Abschluss der Trilogie holt jetzt das viel diskutierte und nie ganz aufgeklärte Suid-Afrikanische Atomwaffen bzw. Atomenergie Programme in die Story.

Zuid-Afrika gilt ja als erster (und wohl einziger Staat) der sein Atomwaffenprogramm eingestellt hat. Da vor dem Ende der Apartheit alle Details sorgsam vernichtet wurden und nie jemand ausgepackt hat, bleiben die Details wohl im dunklen. Suid-Afrika hat aber Uran und verarbeitet dieses. Und hat 2005 auch einen Uran-Handel mit dem Iran zumindest für möglich gehalten…

… und in diesen geschichtlichen Hintergrund rutschen Fish Pescado und seine Freundin (und ex-Agentin) Vicki Kahn. Was für Fish mit einem Auftrag für die Suche nach einer verschwundenen Frau beginnt wird schnell für ihn ein Albtraum: Sein bester Freund, ein Polizist der auch am Fall der verschwunden Frau arbeit bringt sich vor seinen Augen um und hinterlässt eine kryptische Nachricht. Die Polizei buchtet ihn ein und hält ihn tagelang fest. Und aus dem Fall der Frau wird ein Mord am Energieminister, eine Uran-Deal mit dem Iran, IS-Terroristen auf der Jagd nach Material für eine schmutzige Bombe und …

… der Auftritt von Mace Bishop aus der „Rache“ Trilogie von Mike Nico. Ein ganz feiner Kniff der mit einem coolen Paukenschlag das Ende einläutet. Ein überraschendes Ende, nonchalant und en passant. Und blutig!

Diesmal sind im Buch weniger direkte politische Andeutungen (außer der ortsüblichen Korruption, dem verschleudern von Staatseigentum an ausländische Firmen bzw. Staatskonzerne zu Gunsten der eigenen Tasche), sondern das ganze kommt fast als Roadmovie daher. Irgendwie undurchsichtig (aber das ist Terrorismus und der Krieg gegen Terrorismus ja per se).

Ein wunderbares Buch!

Soundtrack dazu: Atom Band – Betsy, was sonst?

PS: Der btb Verlag hat mich erhört – das Cover ist mit den englischen Ausgabe … identisch. Merci.

Mike Nicol - Sleeper (Umuzi, 2018)
Mike Nicol – Sleeper (Umuzi, 2018)

 

 

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.415

Liza Cody - Ballade einer vergessenen Toten (Ariadne Krimi / Argument Verlag, 2019)
Liza Cody – Ballade einer vergessenen Toten (Ariadne Krimi / Argument Verlag, 2019)

Gelesen: 13. – 23.09.2019, netto 398 Seiten

Dieses Buch schließt nicht an die „Lady Bag“ Bücher mit der obdachlosen Angela May Sutherland an sonder gehört inhaltlich ehr in die Nachfolge von „Gimme More“ (2004 bei UT Metro erschienen). 

Liza Cody war in ihrer Jugend als Roadie „für eine der schlechtesten Rockbands Londons“ unterwegs. Sie kennt daher das Musikgenre ebenso gut wie Crime und Detective. Ging es bei „Gimme More“ noch um die 60er ist die vergessene Tote eine Kind der 80er.

Elly Astoria war ein Phänomen, körperlich klein und ohne jedes Aussehen aber mit der Fähigkeit des absoluten Gehörs. Und der Fähigkeit Melodien zu schreiben die jedem unter die Haut gehen. Bis sie eines Tages brutal abgeschlachtet wird. Ihre Band SisterHood (die ohne sie niemals Erfolg hatte) trennt sich danach und alles verschwindet im Nebel der Geschichte.

Bis Amy, eine Schriftstellerin am Ende (sucht euch was aus: Beziehung, Karriere – alles passt) und auf der Suche nach einem Rettungsanker. Dieser Rettungsanker wird die Biografie von Elly Astoria. Und da der Mord an ihr nie aufgeklärt wurde wird das ganze sowohl Biografie als auch Detektiv Story.

Beides ist im Prinzip ja das Gleiche: Wahrheitsfindung. Die Biografie muss allerdings nicht gerichtsfest sein.

Und so stolpert Amy durch eine Geschichte voller Stars (die alle von Ellys Songs profitierten), voller Manager (die alle von Ellys Geld profitierten), voller Musiker (die alle von Elly profitierten) und findet … nichts was Elly ausmacht. Und am Ende findet sie dann noch die Geschichte hinter der Geschichte.

Wo John Niven das Musikgeschäft mit maskuliner Härte auseinander nimmt macht das Liza Cody mit weiblicher Fiesheit. Beides passt, dieses Buch ist sogar noch besser! Und wo immer Frauen streiten – da ist keine Liebe mehr…

Soundtrack dazu: The Raincoats – Life On The Line, was sonst?

PS: „Gimme More“ steht natürlich auch in meinem Regal.

Liza Cody - Gimme More (UT Metro, 2004)
Liza Cody – Gimme More (UT Metro, 2004)

 

 

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.414

Tess Sharpe - River of Violence (DTV Bold, 2019)
Tess Sharpe – River of Violence (DTV Bold, 2019)

Gelesen: 11. – 12.09.2019, netto 496 Seiten

Wow – was für ein Debüt? Thematisch und vom Stil her hätte ich das beim Polar-Verlag erwartet, aber wer das rausbringt ist ja fast egal.

Tess Sharpe setzt mit Harley McKenna eine 22 jährige Heldin in eine Welt aus (Crystal) Meth und Wahnsinn, aus maskuliner Gewalt und generationenübergreifenden Fehden. Familienfehden irgendwo in den Bergen zwischen Portland und San Francisco, im „North County“.

Und sie ist mittendrin. Ihr Vater ist der lokale Druglord, läßt Meth kochen, schmuggelt Waffen, packtiert mit der lokalen Biker-Gang und schmiert die lokale Polizei. Und zerquetscht jeden Wiederstand mit roher Gewalt. Nachdem seine Frau bei der absichtlichen Explosion einer Meth Küche verbrannt ist trainiert er seine Tochter … auf seine Art.

Mit 8 sieht sie zum ersten Mal wie ihr Vater jemanden umbringt. Mit 9 zeugt er ihr wie man tötet. Mit 12 bedroht sie das erste mal jemanden mit einer Waffe. Sie ist 16, als sie zum ersten Mal verantwörtlich ist für den Tot eines Menschen. Mit 17 entsorgt sie zum ersten Mal eine Leiche.

Die Geschichte von Harley wird cool erzählt, es wechseln sich Rückblicke auf ihre Erziehung bzw. auf ihr Aufwachsen unter Hinterwäldlergängstern mit aktuellem Geschehen ab. Und dann wird klar das wir 3 Tage Wahnsinn in Echtzeit erleben dürfen: Ihr Dad, angeblich auf Geschäften im Süden, liegt in einem Hospitz. Sie hat nur wenig Zeit um zu verhindern das sein Tod eine Vakuum erzeugt das die Kartelle, Nazis und andere Gangster in ihr County bringt.

Vor diesem Krieg, der ihre Welt zu zerstören droht, ist Harley gezwungen, sich der Wahrheit zu stellen: Dass die gewalttätige Welt ihres Vaters sie zerstören wird. Er zog sie auf, um tödlich zu sein – er zählte nie darauf, dass sie illoyal sein würde. Aber wenn Harley überleben und die Menschen beschützen will, die sie liebt, muss sie die Gangster besiegen oder ihnen einen Ausweg zeigen.

Ein wahnsinnig gutes Buch, vor allem weil eine starke junge Frau den alten Säcken, für die sie nur eine Tittenträgerin ist, nicht nur Paroli bietet sondern auch weil sie schlauer ist. Und darum kümmert sie sich auch um Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden.

Ein durch und durch politisches Buch in dem der Racheengel eine Ausweg aus Gewalt, Drogen und Machismo aufzeigt. Aber bis zum Ende bleibt die Frage – in welchem Alter hat Harley das erste Mal selbst einen Menschen getötet?

Eindringliche Leseempfehlung!

Soundtrack dazu: Blank Stare – Fuck Drugs, Fuck You, was sonst?