Sophie Hénaff – Mission Blindgänger (C. Bertelsmann, 2020)
Gelesen: 13. – 20.07.2020, netto 297 Seiten
Neues von der Sophie Hénaff und der Chaos-Brigade. Der erste Band war ein schierer Spaß, der zweite Band weniger lustig und mit mehr Polizeiarbeit.
Der dritte Streich ist irgendwie indifferent, weder durchgehend lustig noch mehr echte Polizeiarbeit. Er ist vor allem wuselig. Denn Brigademitglied Capitaine Eva Rosière ist in ihrem literarischen Nebenerwerb nunmehr Drehbuchautorin … und zugegen als der von ihr extrem gehasste Regisseur ermordet wird. Der, dem sie mehrfach und laut “ich bring dich um” an den Kopf geworfen hat – vor dem gesamten Filmteam.
Wie es dann kommt, das ihre Brigade ermittelt ist mit Sicherheit keine echte Polizeiarbeit und wie ermittelt wird (die Polizisten springen als Schauspieler ein) ist zwar eine lustige Idee aber nicht wirklich eine Buchidee.
Was gelungen ist, ist den Mörder auf kleinstem Raum klug zu verstecken. Aber das macht das dieses Buch jetzt nicht wirklich zu einem Killer, ehr zu einer leichten Lektüre die schnell verdaut ist.
Wirklich lustig und spannend wird sein, wenn dieses Buch verfilmt wird – etwas mit dem Sophie Hénaff im Abspann kokettiert. Das ist dann ein Buch im Film im Film im Buch. Und das dürfte lustig sein (aber, hach, es gibt ja kaum lustige Filme aus Frankreich).
Der Atrium Verlag hat ja einige sehr schöne Thriller ausgegraben, da habe ich mir auch dieses ohne viel Nachdenken geschnappt. Und da ich Verlagen auch schon nach wenigen guten Büchern vertraue, habe ich das Buch in der Buchhandlung meines Vertrauens mitgenommen.
Die Geschichte klingt im Waschzettel erstmal ganz spannend:
September 2001 wird in den USA die geheimdienstliche Abteilung, der Erasmus Levine angehört, von einem Unbekannten geführt, den selbst seine engsten Mitarbeiter noch nie gesehen haben und der nur unter dem Codenamen »Alpha« bekannt ist. Schon seit Jahren erhält Levine geheime Nachrichten von Alpha, über die er mit niemandem redet. Die erste dieser Nachrichten lautete: »Du und ich gegen den Rest der Welt.«
In Realität ist das aber kein Thriller sondern ein Sachbuch in der Verpackung eines Thrillers. Es geht ums nichts weniger als die Aufarbeitung des schwedischen Nuklear Programmes der 50er/60er, das von der Regierung mehr oder weniger heimlich vorangetrieben wurde:
Die Geschichte ist tatsächlich spannend (und ich hatte ja keine Ahnung stimmt hier voll), wird aber in einen Post-9/11 Thriller verpackt der nicht weniger als die Rettung der Erde vor Nuklearwaffen als Thema hat. Und das ganze dann irgendwie gaga macht.
Alle historischen Referenzen im Buch sind stimmig, allen Fäden lässt sich mit Public Domain know-how nachgehen (zB hier oder auch hier) und trotzdem ist es ein Buch, das ich nicht gelungen finde. Da hilft auch nicht, das es am Ende kein Hollywood Happy-End steht (was bei mir immer Pluspunkte bringt).
PS: Beim nachrecherchieren habe ich gelesen das die deutsche Übersetzung auf Basis der englischen Übersetzung des schwedischen Originals gemacht wurde. Auch das kann ein Grund sein, warum dieses Buch so … anders … rüberkommt.
PPS: Das schwedische Original hat das bessere Cover, wie so oft.
Der Grund ist ganz einfach:
Das Bild “Triumph des Todes” von Peter Brügel dem Älteren spielt in dem Buch eine ganz besondere Rolle. Also gehört das auch aufs Cover und nicht eine doofes Agenten Stock-Foto.
Was ist das für ein Buch? Ein Krimi? Ein Road-Movie? Ein Versuch den Menschen in den US of A (“El Norte“) klar zu machen unter welchen Umständen und warum Menschen aus dem Süden unbedingt in den Norden wollen?
Schwierig. Sehr schwierig. Das Buch beginnt mit dem “Warum” und mit einem Knall: 16 Tote, eine komplette Familie in Acapulco wird ausgelöscht. Nur die Frau und ihr Sohn entkommen dem Todeskommando eines Kartelles.
Und Lydia, Frau eines Journalisten der über das Kartell geschrieben hat, macht sich mit Luca auf den Weg in die US of A, nach El Norte. Da sie aber ungewollt eine persönliche Beziehung zum Chef des Kartells hatte (er war Kunde in ihrem Buchladen, sie hatte ja keine Ahnung), muss diese Flucht in der Anonymität der zentralamerikanischen Migranten als blinder Passagier auf einem Güterzug erfolgen. Denn in Hotels, Bussen oder Flugzeugen gibt es immer einen, der sie an das Kartell verrät.
Und damit ist Lydia ganz unten, wird all ihr Geld verlieren und schreckliche Dinge auf “La Bestia” (wie der Zug in den Norden genannt wird) erleben.
Was als Krimi anfängt wird dann ehr Road Movie und am Ende ein etwas dick aufgetragenes Buch über Flucht, Migration und Mutterliebe. Und es wird klar das es ein Buch wohl ehr für Weiße als für Latinos ist. In den US of A hat das auch zu einer ziemlichen Diskussion geführt:
And that’s why so many of us are upset about this book. We’re not jealous of the money. We’re not demanding our own million-dollar book deals as acts of literary reparations. We don’t want Cummins marched through the streets of the barrio while we throw stale conchas at her.
We want stories about ourselves that aren’t written for someone else. We want to be taken seriously by the major publishers and the media. We want stories about our experiences that aren’t the equivalent of tear-jerking after-school specials.
[...]
In order to write this piece I read the book that wasn’t meant for me and, through sheer exploitative force of brutal emotion, I saw myself in it. But the industry gatekeepers who promoted American Dirt didn’t think about recent immigrants, or second-generation Americans, or fifteenth-generation Americans. They didn’t think about us at all.
At the end of the day, the publishing industry turned us — my us, not Jeanine Cummins’s us—into the faceless brown masses that it so desperately wanted to humanize.
RICHARD Z. SANTOS (Link)
Das Buch ist schon spannend, wenn auch ohne echte Spannung: Das am Ende ein mehr-oder-weniger Happy-End steht ist klar.
Das bessere Buch zum gleichen Thema hat der Polar Verlag rausgebracht: Sam Hawken – Kojoten (Polar Verlag, 2015) beschreibt den letzten Teil der Reise von American Dirt (den Übergang nach El Norte mit Hilfe eines Kojoten) um so viel besser. Und für mich mit mehr Empathie.