Bücher, schnell gelesen: Teil 1.575

Anne Holt – Ein Grab Für Zwei (Atrium Verlag, 2021)

Gelesen: 09. – 20.03.2022 (netto 456 Seiten)

Norwegen und ihr Nationalsport – der Langlauf. Und dazu Doping. Alles mit einem mehr oder weniger realistischem Hintergrund. Aber das ist gar nicht die Story, im Grunde geht es in diesem Krimi um Absturz.

Die “Heldin” Selma Frank ist ehemalige Olympiasiegerin, erfolgreiche Anwältin und … spielsüchtig. Ohne sich das einzugestehen. Und als ihr Partner in der Kanzelei “entliehenes” Geld entdeckt fliegt sie raus, ist pleite und landet in einem Drecksloch von Wohnung.

Aber – so schön wie unrealistisch – sie bekommt eine letzte Chance: Sie soll beweisen das eine Langläuferin, bei der Doping gefunden wurde, unschuldig ist. Natürlich kämpft sie sich aus der Aussenseiter/Insider Position durch diesen Fall, durch einen weiteren Mord an einem Langläufer und durch Intrigen im Langlaufverband.

Das einzige was mir an dem Buch wirklich gefallen hat war der Kniff zwei Morde ewig lange auf einer Motivlinie laufen zu lassen, das passte schon. Aber viele andere Dinge waren einfach zu aufgesetzt, so das ich mich nicht wirklich für das Buch begeistern konnte.

Handwerklich ordentlich aber nicht mein Ding.

Soundtrack dazu: Shipwrecked – Run Comrade Run, was sonst?

PS: “Booktrailer” my ass!

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.464

Hideo Yokoyama – 50 (Atrium Verlag, 2020)

Gelesen: 29.07. – 01.08.2020, netto 336 Seiten

Einfach ein beeindruckendes Buch. Das fängt bei der Gestaltung an (siehe “64“) und endet mit der extrem klar strukturierten Geschichte.

“50” entstand 2002, also weit vor “64” (2012) und macht uns mit seiner harten Struktur vor allem eines klar:

In der japanischen Gesellschaft gibt es etwas, das über allem steht. Vor allem über dem Individuum: Die Gruppenverwantwortung. Nach japanischem Verständniss von Gruppenverwantwortung wirkt sich der Fehltritt eines Individuums auf das Ansehen der gesamten Organisation aus.

Wir kennen das als “Gesicht wahren“. Und das ist es, worum es hier geht. Der Kampf von Organisationen (hier: Die Polizei (und darin Polizeiverwaltung und Kriminalpolizei), die Staatsanwaltschaft, die Presse, die Justiz (Richter und Strafanstalt) um ihr Ansehen. Und das dieser Kampf wichtiger ist, als der individuelle Erfolg, der individuelle Fall, das individuelle Opfer oder auch der individuelle Täter.

Poizeihauiptmeister Kaji, Vizedirektor der Ausbildungsabteilung, hat seine an Alzheimer erkrankte Frau erwürgt. Auf ihre Bitte hin. Es bleibt ein Mord und dieser schädigt das Ansehen der Polizeiverwaltung.

Und um dieses Ansehen zu schützen, werden alle Register gezogen. In jeder Organisation kommt es zu Stress, in jeder Organisation gibt es einen Verlierer. Weil das Individuum nicht zählt. Weil Prozesse, Riten, Beziehungen und Ansehen eben wichtiger sind.

Das Ende der Geschichte ist um so überraschender, als hier ein Individuum seine familiäre Gruppenverantwortung über die organisatorische Gruppenverantwortung stellt. Und das kann nur geheilt werden, in dem zwei Kollaborateure aus ihrer Verantwortung ausbrechen.

Das beste Beispiel für “Gesicht wahren” und “Organisation über Individuum” das ich gelesen habe. Und nein, eine solche Gesellschaft werde ich nie verstehen.

Wow!

Soundtrack dazu: Last Child – My Life, was sonst?

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.460

Michael Berg – Der Carrier (Atrium, 2020)

Gelesen: 05. – 12.07.2020, netto 565 Seiten

Ups, das ist ein komisches Buch.

Der Atrium Verlag hat ja einige sehr schöne Thriller ausgegraben, da habe ich mir auch dieses ohne viel Nachdenken geschnappt. Und da ich Verlagen auch schon nach wenigen guten Büchern vertraue, habe ich das Buch in der Buchhandlung meines Vertrauens mitgenommen.

Die Geschichte klingt im Waschzettel erstmal ganz spannend:

September 2001 wird in den USA die geheimdienstliche Abteilung, der Erasmus Levine angehört, von einem Unbekannten geführt, den selbst seine engsten Mitarbeiter noch nie gesehen haben und der nur unter dem Codenamen »Alpha« bekannt ist. Schon seit Jahren erhält Levine geheime Nachrichten von Alpha, über die er mit niemandem redet. Die erste dieser Nachrichten lautete: »Du und ich gegen den Rest der Welt.«

In Realität ist das aber kein Thriller sondern ein Sachbuch in der Verpackung eines Thrillers. Es geht ums nichts weniger als die Aufarbeitung des schwedischen Nuklear Programmes der 50er/60er, das von der Regierung mehr oder weniger heimlich vorangetrieben wurde:

Die Geschichte ist tatsächlich spannend (und ich hatte ja keine Ahnung stimmt hier voll), wird aber in einen Post-9/11 Thriller verpackt der nicht weniger als die Rettung der Erde vor Nuklearwaffen als Thema hat. Und das ganze dann irgendwie gaga macht.

Alle historischen Referenzen im Buch sind stimmig, allen Fäden lässt sich mit Public Domain know-how nachgehen (zB hier oder auch hier) und trotzdem ist es ein Buch, das ich nicht gelungen finde. Da hilft auch nicht, das es am Ende kein Hollywood Happy-End steht (was bei mir immer Pluspunkte bringt).

Schade.

Soundtrack dazu: MoDerAt LiKviDaTioN- Atombomb, was sonst?

PS: Beim nachrecherchieren habe ich gelesen das die deutsche Übersetzung auf Basis der englischen Übersetzung des schwedischen Originals gemacht wurde. Auch das kann ein Grund sein, warum dieses Buch so … anders … rüberkommt.

PPS: Das schwedische Original hat das bessere Cover, wie so oft.

Der Grund ist ganz einfach:

Das Bild “Triumph des Todes” von Peter Brügel dem Älteren spielt in dem Buch eine ganz besondere Rolle. Also gehört das auch aufs Cover und nicht eine doofes Agenten Stock-Foto.

The Triumph of Death by Pieter Bruegel the Elder