Tag: William Boyle

  • Bücher, schnell gelesen: 1.838

    Bücher, schnell gelesen: 1.838

    William Boyle – Heilige der Narrows Street (Polar, 2026)

    Gelesen: 26. – 28.05.2026 (netto 415 Seiten)

    Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf.

    Grad erst hab ich Megan Abotts Version des American Dream beendet, schon kommt eine weitere Variante – diesmal aus Brooklyn, NYC. Italienische Einwanderer. Die es in den US of A zu was bringen wollen. Und deren Kinder und Kindeskinder es zu was bringen sollen.

    William Boyle ist ein großartiger Erzähler, dieses ist sein sechste Buch bei Polar. Und wieder ein großer Wurf!

    Über einen Zeitraum von 18 Jahren, aufgeteilt in Teile die von 1986 über 1991, 1998 und 2004 jeweils immer nur zwei Tage darstellen begleitet der Leser Risa Franzone und ihren Sohn Fabrizio aka Fab, ihre Schwester Giulia und den gemeinsamen Freund Chooch. In Gravesend, einem italienischen Arbeiterviertel in Brooklyn.

    Im Sommer 1986 kommt Sav eines Nachts betrunken nach Hause und richtet scherzhaft eine Waffe auf Risa und ihren gemeinsamen Sohn. Später entbrennt ein Streit zwischen Sav und Risas jüngerer Schwester Gulia.

    Als Risa zu schlichten versucht, indem sie Sav mit einer gusseisernen Pfanne auf den Kopf schlägt, stürzt dieser und zieht sich dabei tödliche Verletzungen zu.

    In panischer Verzweiflung wenden sich die Schwestern hilfesuchend an ihren gutherzigen Nachbarn Christopher „Chooch“ Gardini. Chooch – ein Jugendfreund Savs, der offensichtlich Gefühle für Risa hegt – erklärt sich bereitwillig dazu bereit, die Leiche zu beseitigen.

    Diese aus Panik getroffene Entscheidung wird Risa, Giulia und Chooch auf Jahre hinaus verfolgen und stellt ihr Leben mehr oder weniger auf den Kopf.

    Alles, was die Schwestern und Chooch danach erleben, ist von jener verhängnisvollen Nacht geprägt – ihre Welt wird durch Gewalt und Angst neu definiert.

    Ihr Leben wird davon bestimmt eine Lüge aufrecht zu erhalten (“Sav ist wie sein großer Bruder Roberto abgehauen, weil er Jimmy Tomasullo die Frau ausgespannt hat”) und allen Fallen aus dem Weg zu gehen, die diese Lüge offenbaren könnten.

    Aber aus dem Schicksal gibt es kein Entkommen: Als Savs großer Bruder wieder auftaucht glaubt er die Story nicht. Und Chooch triggered Jimmy damit, das er ihm brühwarm erzählt das Roberto wieder da ist.

    Und das Bewahren der Lüge kostet nicht nur Roberto das Leben sondern auch dessen Eltern. Und Jimmy steckt sich danach die Knarre in den Mund.

    ( (c) Polar Verlag, 2026)

    Noch mehr Schuld für Risa, die aber von Robertos Eltern ein gutes Erbe bekommt. Und damit weiterleben kann. Am Ende will Fab die Lüge aufklären und macht sich auf die Suche nach seinem Vater. Auch das endet tödlich, für Fab.

    Die Story eigentlich aller Personen im Buch ist irgendwie voll mit der unerfüllten Hoffnung, die kleine Enklave Gravesend zugunsten eines besseren Lebens zu verlassen. Aber diese Hoffnung, die ist tödlich.

    William Boyle schreibt ja immer über “Schlechte Leute, die Gutes tun und Gute Leute, die Schlechtes tun“. Ist das Gute hier die Wahrheit? Und das Schlechte das Überleben im Viertel?

    Die fast vollständige Abwesenheit von Cops macht aus dem Buch einen Noir der besonderen Art. Die handelnden Personen definieren sich über die Entscheidungen, die sie treffen und nicht durch die Umstände, in die sie hineingeworfen werden.

    Das ist dann wohl der feine Unterschied zwischen Noir und großer Literatur. Stille Momente der Gnade, des Schmerzes und der Liebe.

    Trotz 5 Toter.

    William Boyle hats drauf. Kaufen!

    Soundtrack dazu: Flogging Molly – Saints & Sinners, was sonst?

    PS: Und William Boyle so?



  • Bücher, schnell gelesen: 1.667

    Bücher, schnell gelesen: 1.667

    William Boyle – Shoot The Moonlight Out (Polar Verlag, 2023)

    Gelesen: 09. – 14.11.2023 (netto 329 Seiten).

    Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf.

    William Boyle schreibt großartige Bücher über seine Heimat Brooklyn. Einfach nur großartig! Die Washington Post hat das ganz schlicht auf einen passenden Nenner gebracht:

    The Washington Post noted that Boyle "tries to write about how bad people can do good things and good people can do bad things."
    

    Und in diesem Spannungsfeld bleibt er bei vergleichsweise kleinen Geschichten. In “Shoot The Moonlight Out” treiben die konzentrischen Kreise eines Steinwurfes ins Wasser auf eine Handvoll Menschen aus dem Viertel zu und versenken vier von ihnen.

    Allerdings hat der Stein da schon moralischen Ballast zu tragen: Zwei gelangweilte Jungs, so 12 bis 13 Jahre alt, verbringen ihre Zeit mit allerlei Blödsinn am Rande einer Mall. An einer Freeway Auffahrt. Und kommen auf die coole Idee Steine auf Autos zu werfen … als sie endlich treffen treffen sie ins offene Fenster der 19 jährigen Amelia Cornacchia. Und die stirbt.

    Was beide nicht ahnen: Der Vater von Amelia arbeitet im Viertel als Problemlöser der einfachen Leute. Im Angebot: Endgültige Lösungen. Er bleibt nämlich beim Killen ganz kalt, für ihn ist das moralisch kein Problem.

    Fast Forward von 1996 in den Sommer 2001: Die konzentrischen Kreise des Steines treffen auf Land, die Wellen brechen und William Boyle packt ganz großartige Charaktere in die Story, die natürlich auf einen Showdown zwischen dem Vater von Amelia und … pssst!

    Und neben einer spannenden Story die auf einen Höhepunkt hinzielt bleibt William Boyle auch noch Zeit für großartige Details:

    William Boyle - Shoot The Moonlight Out (c) Polar Verlag 2023)

    William Boyle Welt ist klar und lebendig, Brooklyn ein Ort der er im Detail kennt. Er ist in der Lage, das Durcheinander des Lebens mit der Schärfe eines gnadenlosen Realisten einzufangen. Dabei formt er dieses Durcheinander so, dass die Geschichte auf einen Höhepunkt resp. Showdown zeigt der alles auflöst.

    Ganz großes Kopfkino. Und die Menschen? Sind am Ende glücklich:

    Lily kipt ihren Wiskey. Nach allem, was sie gesehen und erfahren hat, mag es falsch sein, glücklich zu sein, aber das ist ihre egal. Sie lässt Schuldgefühle Schuldgefühle sein, schenkt nach und findet es okay, dass sie sich so fühlt.
    
    (William Boyle - Shoot The Moonlight Out (c) Polar Verlag 2023)
    

    Perfekt!

    Soundtrack dazu: Joe Coffee – Shoot The Moon (And All Who Live There), was sonst?

    PS: Und William Boyle so?

    PPS: Beautiful and save, anyone?

  • Bücher, schnell gelesen: Teil 1.590

    Bücher, schnell gelesen: Teil 1.590

    William Boyle – Brachland (Polar Verlag, 2022)

    Gelesen: 28. – 30.05. (netto 339 Seiten plus Nachwort)

    Yes! Ende Mai, Leseurlaub in DK und ein echter Kandidat für das Buch des Jahres nimmt Besitz von meinem Kopfkino.

    Die Geschichte selbst ist winzig, ebenso wie das Viertel aus dem William Boyle seine Welt zaubert. Frauen, Mafia und jede Menge Willkür – von Männern. Aber die Art wie William Boyle die Geschichte voranbringt ist alles andere als klein, die ist ganz groß:

    Wie bei einem Leuchtturm trifft das Licht wie im Kreis auf die handelnden Personen und diese … handeln. Und irgendwann denkt der Leser das der Leuchtturm sich schneller dreht … immer schneller und irgendwann muss was aus den Fugen geraten.

    Und das tut es auch: Die Saat, die 1991 vom korruptem Cop Donnie Parascandolo gesät wurde, ist 1993 zur Ernte bereit. Und zu dem Toten von 1991 kommen noch mehr Tote – Frauen wie Männer. Und die freundliche Nachbarschaft lüftet ganz kurz die Decke des Schweigens, des Akzeptierens … um diese dann wieder ganz schnell und pragmatisch auszurollen.

    Und die Cops? Haben immer keinen Schimmer und werden auch nicht hinzugezogen. Am Ende eine tote Mutter, eine glückliche Tochter, ein toter Ex-Cop, zwei tote Cops und ein glückliches, wenn auch ungleiches Paar.

    In diese Welt einzutauchen ist einfach zu schön, vor allem auch wegen der großartigen Referenzen:

    ( (c) 2022 Polar Verlag)

    Aber dabei bleibt es nicht … trotz aller 70er Jahre Mafia Anklänge ist William Boyle einfach smart.

    ( c) 2022 Polar Verlag)

    Eine bessere Warnung vor Crust Punk, Plugs und Tattoos habe ich lange nicht mehr gelesen, Street Smart Mr. Boyle.

    Warum ich nichts vom Inhalt verrate? Weil der einfach großartig ist, ihr müsst allerdings euer Kopfkino selbst befeuern. Es lohnt sich!

    Soundtrack dazu: Pressing On – Wasteland, was sonst?

    PS: William Boyle nennt diesen Film als Referenz, denn die Hoffnung bleibt.