
Gelesen: 26. – 28.05.2026 (netto 415 Seiten)
Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf.
Grad erst hab ich Megan Abotts Version des American Dream beendet, schon kommt eine weitere Variante – diesmal aus Brooklyn, NYC. Italienische Einwanderer. Die es in den US of A zu was bringen wollen. Und deren Kinder und Kindeskinder es zu was bringen sollen.
William Boyle ist ein großartiger Erzähler, dieses ist sein sechste Buch bei Polar. Und wieder ein großer Wurf!
Über einen Zeitraum von 18 Jahren, aufgeteilt in Teile die von 1986 über 1991, 1998 und 2004 jeweils immer nur zwei Tage darstellen begleitet der Leser Risa Franzone und ihren Sohn Fabrizio aka Fab, ihre Schwester Giulia und den gemeinsamen Freund Chooch. In Gravesend, einem italienischen Arbeiterviertel in Brooklyn.
Im Sommer 1986 kommt Sav eines Nachts betrunken nach Hause und richtet scherzhaft eine Waffe auf Risa und ihren gemeinsamen Sohn. Später entbrennt ein Streit zwischen Sav und Risas jüngerer Schwester Gulia.
Als Risa zu schlichten versucht, indem sie Sav mit einer gusseisernen Pfanne auf den Kopf schlägt, stürzt dieser und zieht sich dabei tödliche Verletzungen zu.
In panischer Verzweiflung wenden sich die Schwestern hilfesuchend an ihren gutherzigen Nachbarn Christopher „Chooch“ Gardini. Chooch – ein Jugendfreund Savs, der offensichtlich Gefühle für Risa hegt – erklärt sich bereitwillig dazu bereit, die Leiche zu beseitigen.
Diese aus Panik getroffene Entscheidung wird Risa, Giulia und Chooch auf Jahre hinaus verfolgen und stellt ihr Leben mehr oder weniger auf den Kopf.
Alles, was die Schwestern und Chooch danach erleben, ist von jener verhängnisvollen Nacht geprägt – ihre Welt wird durch Gewalt und Angst neu definiert.
Ihr Leben wird davon bestimmt eine Lüge aufrecht zu erhalten (“Sav ist wie sein großer Bruder Roberto abgehauen, weil er Jimmy Tomasullo die Frau ausgespannt hat”) und allen Fallen aus dem Weg zu gehen, die diese Lüge offenbaren könnten.
Aber aus dem Schicksal gibt es kein Entkommen: Als Savs großer Bruder wieder auftaucht glaubt er die Story nicht. Und Chooch triggered Jimmy damit, das er ihm brühwarm erzählt das Roberto wieder da ist.
Und das Bewahren der Lüge kostet nicht nur Roberto das Leben sondern auch dessen Eltern. Und Jimmy steckt sich danach die Knarre in den Mund.

Noch mehr Schuld für Risa, die aber von Robertos Eltern ein gutes Erbe bekommt. Und damit weiterleben kann. Am Ende will Fab die Lüge aufklären und macht sich auf die Suche nach seinem Vater. Auch das endet tödlich, für Fab.
Die Story eigentlich aller Personen im Buch ist irgendwie voll mit der unerfüllten Hoffnung, die kleine Enklave Gravesend zugunsten eines besseren Lebens zu verlassen. Aber diese Hoffnung, die ist tödlich.
William Boyle schreibt ja immer über “Schlechte Leute, die Gutes tun und Gute Leute, die Schlechtes tun“. Ist das Gute hier die Wahrheit? Und das Schlechte das Überleben im Viertel?
Die fast vollständige Abwesenheit von Cops macht aus dem Buch einen Noir der besonderen Art. Die handelnden Personen definieren sich über die Entscheidungen, die sie treffen und nicht durch die Umstände, in die sie hineingeworfen werden.
Das ist dann wohl der feine Unterschied zwischen Noir und großer Literatur. Stille Momente der Gnade, des Schmerzes und der Liebe.
Trotz 5 Toter.
William Boyle hats drauf. Kaufen!
Soundtrack dazu: Flogging Molly – Saints & Sinners, was sonst?
PS: Und William Boyle so?





