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  • Bücher, schnell gelesen: 1.622

    Bücher, schnell gelesen: 1.622

    Michael Connelly – Die Vogelscheuche (Kampa Verlag. 2022)

    Gelesen: 09.01. – 13.01.2023 (netto 514 Seiten)

    Aus dem amerikanischen Englisch von Sepp Leeb

    Das zweite Buch der Jack McEvoy Reihe erschien im Original satte 13 Jahre nach dem ersten Band. Im ersten Fall war das FBI noch mit Modems auf BBS unterwegs, 13 Jahre später geht es schon im Internet, Serverhosting und Identitätsdiebstahl im Netz.

    Jack ist Polizeireporter bei der LA Times und auf der Abschussliste. 100 Stellen müssen eingespart werden, er – alt und teuer – ist Nummer 99 und hat 2 Wochen, dann ist er raus. In dieser Zeit soll er eine neue Kollegin, frisch von der Uni und billig, einarbeiten.

    Bock hat er keinen mehr aber eine komische Story landet auf seinem Tisch: Nachdem er eine Polizeinachricht veröffentlicht hat (ergo umformuliert aber 1:1 übernommen) meldet sich die Großmutter des geständigen Täters: Auf keine Fall hat ihr Junge den Mord begangen.

    Irgendwas triggert Jack und er geht der Sache nach – nur um festzustellen das die Polizei die Presse schön reingelegt hat: Der Junge hat nur einen Autodiebstahl gestanden, die Leiche im Kofferraum des Autos hat er nicht mal bemerkt.

    Und dann geht es Schlag auf Schlag: Seine Junge Kollegin findet einen ähnlichen Fall, Jack verbeisst sich in der Sache und erkennt eine Serie. Dafür geht seine junge Kollegin dann bereits im ersten Drittel drauf. Und ab da wird es spannend.

    Das Buch ließt sich flüssig, die Story ist wirklich spannend und zum Teil auch mit einer guten Tiefe ABER, und leider kommt ein ABER: Dadurch das auch aus der Sicht des Täters erzählt wird läuft es darauf hinaus das Jack und seine alte Freundin von FBI wieder durch ein Dickicht von falschen Spuren hetzen. Und am Ende muß es zu einem Showdown kommen.

    Bis dahin gibt es ordentlich Tote und einen tiefen Einblick in das Ende des Papier-Journalismus. Zum Glück bekommt Michael Connelly ein cooles Ende hin, das wiegt das ABER oben etwas auf.

    Soundtrack dazu: Scarecrow – Predator, was sonst?

    PS: Und Michael Connelly so?

  • Bücher, schnell gelesen: 1.621

    Bücher, schnell gelesen: 1.621

    Kevin Barry – Nachtfähre Nach Tanger (Rowohlt, 2022)

    Gelesen: 05.01. – 08.01.2023 (netto 196 Seiten)

    Aus dem Englischen von Thomas Überhoff.

    Ach, zu schön. Das erste Buch 2023 ist ein schmaler Band mit ehr abschreckendem Titel und abschreckendem Umschlgasbild. Aber dafür hat es dieses Buch – ebenso wie die Hauptdarsteller – fist thick behind the ears.

    Der Aufbau des Buches ist dabei extrem hilfreich, es wechselt zwischen banter (Charlie und Maurice, die Hauptpersonen) und Rückschau (quasi Background zum banter).

    Du kennst BANTER nicht?
    
    Oxford Dictionary: Banter is the playful and friendly exchange of teasing remarks.
    
    Oder:
    
    The magnificent art of using word play, opinions, exaggeration, irony, sarcasm, and other comedic themes to (playfully) humiliate, make fun of, and laugh at your friends. This word is most commonly used in Britain, but 'Banter' is used around the world.
    
    Tom: Your dick is so small!
    Dick: Your mum didn't seem to mind it last night!
    Harry: (absent)
    

    Charlie und Maurice sind in die Jahre gekommene irische Gangster aus der Berufsgattung Drogenhändler. Waren ganz oben, jetzt ist das Geld ist weg (die eigene Drogenabhängigkeit zum Glück auch), die Frau die beide liebten ist Tot und die Tochter von Maurice ist auch auf und davon.

    Im Fährhafen von Algecrias warten sie auf die Fähre aus Tanger … denn die Straße erzählt das die Tochter von dort übersetzen könnte. Und street smart sind die beiden immer noch.

    Und während Maurice und Charlie einander frozzeln und versuchen aus Dreadlock Hippies mit räudigen Kötern informationen herauszubekommen erzählen uns die Rückschauen das gesamte Grauen das mit diesen beiden einhergeht.

    (c) Rowohlt Verlag Hamburg

    Der Humor ist in den Dialogen, das Grauen in der Rückschau. Das ganze ist eine detaillierte und ziemlich eindringliche Darstellung von Verbrechen (vor allem im Sektor Drogen) und den wahren Folgen: Verschwendung, die wahnsinnigen Risiken (für einen Selbst und für die Liebsten), die latente Bedrohungslage, die Paranoia und die dubiosen Geldwäsche- und Immobiliendeals.

    Und natürlich den Tribut an die eigenen Seele (“Angst essen Seele auf”).

    Großes Kopfkino, immer humorvoll und mit einem überraschendem Ende. Verraten will ich nur das Maurice und Charlie offensichtlich auf ewig in diesem Fährterminal (als Vorort zur Hölle) gefangen sind.

    Klasse Buch, guter Einstieg in 2023!

    Soundtrack dazu: Wat Tyler – Visions Of The Daughters Of Albion, was sonst?

    PS: Und Kevin Barry so?

  • Bücher, schnell gelesen: 1.620

    Bücher, schnell gelesen: 1.620

    Attica Locke – Pleasantville (Polar Verlag, 2022)

    Gelesen: 26.12.2022 – 04.01.2023 (netto 431 Seiten)

    Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf.

    Pleasantville spielt inhaltlich 15 Jahre nach Black Water Rising und funktioniert wahrscheinlich am besten wenn es im Zusammenhang gelesen wird.

    Jay, der Anwalt aus Black Water Rising, hat Cole Oil in die Knie gezwungen – allerdings nur vor Gericht. Gezahlt haben sie bisher nicht. Dazu ist noch seine Frau verstorben, so dass ein ehr verbitterter und müder Jay – mit zwei Kindern an der Backe – irgendwie versucht einen Burn-Out zu vermeiden.

    Als eine junge Schwarze verschwindet rutscht Jay in eine Geschichte die Vordergründig eine Krimi ist aber Attica Locke ehr dazu dient eine historische Anklage zu schreiben: Aufstieg und Niedergang der schwarzen Mittelschicht in Pleasantville (es lohnt sich die Geschichte dieser Siedlung nachzulesen).

    Locke seziert förmlich den Konflikt zwischen Alteingesessenen und den Jüngeren und legt offen wie das Weiße Amerika (hier in Form der Republikaner) es schaft das Wahlsystem so zu pervertieren das eine Wahl so oder so zu ihren Gunsten ausgeht. Und dabei eben gewachsene Communities wie Plesantville zerstört.

    Der Krimi-Plot beschert Jay und seiner Familie jede Menge Ärger, die politische Geschichte zeigt auf warum die US of A heute eine derart verhunzte Demokratie sind und warum das Land so tief gespalten ist.

    Kein Krimi, sondern großartige politische Literatur.

    Soundtrack dazu: Bozos – Echo Chamber, was sonst?

    PS: Und Attica so?

    PPS: Ein guter Abriss über die Geschichte von Pleasantville