Bücher, schnell gelesen: Teil 1.454

Sara Paretsky – Altlasten (Ariadne Krimi, 2020)

Gelesen: 01. – 08.06.2020, netto 521 Seiten

Sara Paretsky hat es sich ja zur Lebensaufgabe gemacht das Krimi-Genre mit starken Frauen ein wenig aus der Macho-Ecke rauszuholen.

Ihre Detektivin V.I. (Vic) Warshawski ist in diesem Buch fast auf einer autobiographischen Spur unterwegs: Paretsky hat in Kansas gelebt und Ideengeber für das Buch war ein Erlebnis ihres Vaters, der an der Universität von Kansas als Zellbiologe lehrte.

Gemischt ist das ganze mit echten Begebenheiten rund um die Silos der amerikanischen Interkontinentalraketen, die heute weitestgehend aufgegeben sind und zum Teil einer nicht militärischen Nutzung überlassen wurden.

Vic hat eigentlich einen kleinen Auftrag in Chicago, nämlich einen verschwundenen jungen schwarzen Filmemacher zu suchen. Daraus entwickelt sich ein spannende Suche im ländlichen Kansas. Vic macht dabei nichts anderes als die Augen aufzuhalten und hinzugucken, wo die locals weggucken.

Das bringt ihr vor allem Konflikte mit der lokalen Polizei, da ihr hingucken sowohl Tote als auch beinahe-Tote an die Oberfläche spült. Und das sind Frauen, für die sich so richtig keiner Interessiert. Für Vic und ihre Nachforschungen interessieren sich allerdings jede Menge Männer – Army, Air Force, Homeland Security, Sheriff, die Seuchenbehörde… alle haben offensichtlich vor allem ein Interesse daran etwas unter Kontrolle zu halten.

Und da sie weiter hinguckt und in der Vergangenheit kramt, wird für sie ein viel größeres Bild deutlich. Der Prozess wie dieses Bild geschärft wird ist die Stärke des Buches – auch für einen versierten Krimi Leser gibt keine klare Antwort was hier eigentlich passiert. Bis es dann passiert.

Sympatische Figuren, detailtreues Leben und ganz viel Lokalkolorit (und Amerikanische Geschichte) verpackt in einen spannenden Roman. Und mit einer sehr realistischen Darstellung der amerikanischen Art Rassentrennung zu betreiben. Da draußen, im Mittleren Westen. Da, wo auch amerikanische Patrioten freidrehen.

Perfekt.

Soundtrack dazu: Nicht „Kansas City“ sondern The Mortal Micronotz – They’ve Got It All, was sonst?

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.438

Denise Mina - Klare Sache (Ariadne, 2019)
Denise Mina – Klare Sache (Ariadne, 2019)

Gelesen: 09. – 18.03.2020, netto 339 Seiten.

Klasse. Eine Heldin auf einer hard-boiled Reise sowohl durch die Realität (Glasgow, London, Vendig, Mailand, Paris …), durch die Welt der Podcasts als auch auf der Reise durch das eigene Ich.

Und der ganze einmal Rückwärts macht die Sache so spannend (und so clever): Erst zum Ende erfährt der Leser wer eigentlich was ist. Und warum. Erst durch den Podcast, in den die Heldin vernarrt ist, erfahren wir Geheimnisse, die es zu knacken gilt. Und erst durch das „Ich“ erfahren wir, warum die Heldin hard-boiled ist.

Und das ganze dann als Road-Movie mit zwei durchgeknallten Anti-Helden, als Slaptstick Online Detektiv-Drama. Eine wirklich großartige Atmosphäre gelingt Denise Mina hier, ich verrate einfach mal nicht den wirklichen Trick dazu, der ist in jedem Fall gelungen.

Ein wirklich gelungenes Buch, mit jede Menge Spannung, Cliff-Hängern von Kapitel zu Kapitel und Geheimnissen, die auch ein erfahrener Krimi-Leser nicht immer richtig löst.

Eine echte Überraschung!

Soundtrack dazu: Tiger Tails – Words Without Conviction, was sonst?

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.438

Sarah Schulman - Trüb (Ariadne Verlag, 2019)
Sarah Schulman – Trüb (Ariadne Verlag, 2019)

Gelesen: 04. – 08.03.2020, netto 254 Seiten.

Perfekter erster Satz für ein Buch in New York: „Alle waren komplett verwirrt, denn der Präsident war ein Irrer.“ Ex-Cop Maggie Terry ist genauso verwirrt: Nach 30 Jahren downhill auf Überholspur (Alkohol, Drogen) ist sie nach einer 18 monatigen Reha clean und kann weder etwas mit dem Tag, noch mit dem Leben, noch mit NYC anfangen.

Sie hockt in einer leeren Wohnung und muss einen neuen Job als Ermittlerin für einen Anwalt anfangen. Durch die beinharten 5 ersten Tage verfolgt Sarah Schulman Maggie und der Leser erlebt die gnadenlose Sezierung einer geschunden Seele. Wo andere Krimis hard-boiled zwischen den Menschen sind ist dieser hard-boiled in Maggies Seele.

Beinhart. Sie vermisst ihr Kind, ihre große Liebe, ihren Status als Cop, ihren Kollegen (der wohl ums Leben gekommen weil sie mal wieder dicht war) und sie hat keine Ahnung wie sie nüchtern mit New York und ihrem Job umgehen soll. Hilflos stolpert sie von AA zu AA Meeting um über den Tag zu kommen.

Am Ende knackt sie ihren ersten Fall, aber nur weil sie aufgibt Opfer (von zB Gentrifizierung oder auch Neoliberalismus) zu sein sondern endlich wieder selbst Verantwortung übernimmt. Drogen und Alkohol gibt es nicht mehr und damit kann die Verantwortung nicht mehr weitergeschoben werden.

Ein großartiger Roman mit viel Herz (für Maggie) und endlos viel … Trostlosigkeit. Welcome to NYC, dry. Ach ja, Liebe gibt es auch nicht.

Klasse Buch!

Soundtrack dazu: New York Rel-X – Sorrow is a prison, was sonst?