Bücher, schnell gelesen: Teil 942

Friedrich Sieburg - Die Lust am Untergang (Die Andere Bibliothek, 2010)
Friedrich Sieburg – Die Lust am Untergang (Die Andere Bibliothek, 2010)

Gelesen: 30.08. – 02.09.2012 (Zeit nicht genommen), netto 408 Seiten

Das ist schräg und ehr ungewöhnlich in meiner Sammlung. Aber ich mag durchaus, die Vergangenheit aus den Augen von damals zu sehen.

Ich nehm mal ein paar Zitate:

„…Sein Schaffen verstand sich vorrangig als Beitrag zur nationalen Identitätsstiftung. Es stellt den Versuch dar, mit literarischen Essays und kritischen Rezensionen eine geistige Nationalgeschichte zu entwerfen, Befindlichkeiten auszuloten und auf diese Weise Zeitkritik zu betreiben“ ( (c) Wikipedia)

In Wirklichkeit aber zappelt die Menschheit, soweit sie an der Zivilisation teilnimmt, im Netz des Absatzterrors, vor dem selbst die staatlichen Mächte sich zu beugen beginnen“ ((c) Eichborn AG, 2010)

Was unsere modernen Knigges mit so unnachahmlicher Anmut den ‚Benimm‘ nennen, sind lauter Kindereien, sobald die höhere Spähre dessen, was ‚man‘ trägt oder ‚man‘ tut in Frage steht. Das Entscheidende ist vielmehr, dass den wenigen Menschen, die aus irgendeinem Grund das Bedürfnis fühlen, gute Manieren an den Tag zu legen oder sich höheren Genüssen hinzugeben, daraus kein Strick gedreht werde.“ ((c) Eichborn AG, 2010)

Schwer zu lesen und immer mit dem Blick „ist von 1954“ zu verstehen. Aber putzig, diesem einsamen Streiter zu folgen. Bestärkt mich darin, keine Lyrik oder das Feuilleton einer Tageszeitung zu lesen.

Soundtrack dazu: VA – Soundtrack zum Untergang, was sonst?

n.b.: Band 2.821 der nummerierten Erstausgabe. Book Collectors Are Pretentious Assholes!

 

Bücher, schnell gelesen: Teil 893, 894

Ilja Ilf  + Jewgeni Petrow  - Das eingeschossige Amerika (Die Andere Bibliothek, 2011)
Ilja Ilf + Jewgeni Petrow – Das eingeschossige Amerika (Die Andere Bibliothek, 2011)

Gelesen: 26. – 02.03.2012 (Zeit nicht genommen), netto 341 (Erster Teil) und 331 (Zweiter Teil) Seiten

Wow – wer gräbt solche Perlen aus? Von Oktober 1935 bis Januar 1936 bereisten zwei sowjetische Schriftsteller die USA: Von NY nach SF&L.A. und wieder zurück. Mit dem Auto. Und immer auf der Suche nach dem „echten“ Amerika.

Herausgekommen ist kein kommunistisches oder gar sozialistisches Manifest gegen die bösen US of A sondern eine unfassbar präzise und (ja, ich liebe es) lakonische Betrachtung des Lebens, Strebens und Überlebens im Amerika der 1930er.

Einen dermaßen präzisen Blick bekommt heute kein (Reise-)Schriftsteller mehr hin, da sich niemand mehr die Zeit nimmt wirklich ins Land einzudringen und mit den Menschen auf der Straße  zu reden. Dazu kommen Besuche bei z.B. Henry Ford oder bei GE (General Electric) und eine genaue Beschreibung der (damals) fantastischen technischen Erneuerungen der Zeit. Am besten aber sind die trockenen und genauen Reflektionen über das amerikanische Leben anhand von präzisen Beobachtungen am „lebenden“ Motiv – in der Regel Anhalter die von ihnen mitgenommen wurden.

Nochmal: Wow – das ist ganz großes Kopfkino (zumal auch mit großartig einfachen S/W Bildern der Reise garniert) und diverse Male habe ich mich ertappt „genauso habe ich Amerika auch wahrgenommen“ zu denken. Zeitlos schön – unbedingt verschenken!

Soundtrack dazu: D.O.A.

PS: Fucking Sammler – Band 1 (#1482) und Band 2 (#0396) der nummerierten Erstausgabe, lustige Sortierung!

Bücher, schnell gelesen: Teil 892

James Palmer - Der blutige weiße Baron (Die Andere Bibliothek, 2010)
James Palmer – Der blutige weiße Baron (Die Andere Bibliothek, 2010)

Gelesen: 17. – 21.2012 (Zeit nicht genommen), netto 364 Seiten.

„History repeats itself“ haben schon die Big Boys gesungen aber diese Geschichte ist so unglaublich…

Da gab es, zurecht von der Zeit vergessen, einen durchgeknallten Deutsch-Russen (aus verarmten estnischen „Adel“) der nicht nur an den Zaren und die Monarchie glaubte (nein, der nichts anderes kennen wollte) so daß er nach dem ersten Weltkrieg ein „Weißer“ (oder „Konterrevolutionär“) wurde – nein, der Typ hatte dermaßen einen an der Klatsche das er auch noch ein frommer und fanatischer Buddhist wurde. Und wo geht das besser als im „fernen“ Osten, wohin ihn die Nachwehen des Krieges und der Revolution verweht haben.

Was die Sache spannend macht? Naja, der Typ war 1920 für 130 Tage sowas wie der Herrscher über die Mongolei, ein von China und Russland gleichermaßen ignorierter wie als „Puffer“ genutzter Landstrich. Und diese Herrschaft zeichnete sich durch Antisemitismus, Antikommunismus und gnadenloses Morden aus. Dazu legte er, wie jeder russische Offizier (sowohl vor als auch nach der Revolution) überhaupt keinen Wert auf das Leben seiner Soldaten, im Bestrafen von vermeintlichen Vergehen war eine ganz großer! Dann haben ihn die „Roten“ gefangen, abgeurteilt und erschossen. Angst hatten sie dennoch vor ihm. Und in der Mongolei gibt es noch heute Familien die ihn als Gottheit (!) verehren. Wow!

Das ganze von einem englischen Historiker kundig, sorgsam und weitreichend („episch“) vor dem historischen Hintergrund des Post-revolutionären Russlands erzählt ist eine echt feine Geschichte. Total spannend. Soundtrack dazu: Regulations!

PS: Die Andere Bibliothek von Eichborn ist immer wieder gut für handwerklich hervorragende Bücher (d.h. die Gestaltung uns Ausführung) sondern auch für großartige Geschichten! Mein ist #1002 der nummerierten Erstausgabe. Verdammter Sammler!