Bücher, schnell gelesen: Teil 1.476

Georg Hermann – Kubinke (Die Andere Bibliothek, 2019)

Gelesen: 08. – 09.09.2020, netto 331 Seiten

Und nochmal was aus dem letzten Jahrhundert – die Buchreihe der Anderen Bibliothek ist auch zu schön (in der Haptik sowieso, manchmal auch in den Büchern selbst).

Diesmal kein Reisebereicht sondern ehr eine kleine Milieu Studie aus dem Berlin von 1908. Zwei Dinge haben mir dabei das schmunzeln ins Gesicht getrieben:

Zum einer ist der Erzähler mit einer ganz wunderbar süffisanten Erzählweise unterwegs: Immer lustig aber im Grunde auch immer Böse. Aber auch das Böse wird immer lustig verpackt. Echt gelungen.

Zum anderen bekommen die handelnden Personen nur echte Berliner Schnauze aus dem Mund und die wird hier auch so gedruckt:

( (c) Die Andere Bibliothek, 2019)

Das Buch ist ganz wunderbar aus der Zeit gefallen, es stellt den Berliner Westen (das war damals wohl Charlottenburg) in epischer Breite da. Und von ganz hinten ist dabei dann auch immer die richtige Einordnung dabei:

Wo noch vor kurzem bunte Knabenkräuter im Maiwind ihre Blüten gewiegt hatten, da trieb  jetzt nur noch die Bauspekulation und der Häuserschwindel seine Blüten. Pferde wurden geschunden, Arbeiter um ihren Lohn gebracht; Handwerker betrogen. Die Häuser gingen von Hand zu Hand, wechselten dreimal den Besitzer, ehe sie fertig wurden. Wo heute ein Käsegeschäft war, war morgen ein Schuhgeschäft; und übermorgen standen elektrische Lampen im Fenster.

Jetzt natürlich, zu der Zeit, da unsere Geschichte beginnt, am ersten April 1908, da war unsere Straße eben hochherrschaftlich geworden. Man fühlte ordentlich, wie die Mieten stiegen.

Und der Held, der junge Barbier Kubinke, ist der sprichwörtliche (stille) kleine Mann der in einer Klassengesellschaft seinen Platz und sein kleines Glück sucht.

Und am Ende aus dieser ironischen Geschichte einen Krimi macht.

Das ganze wurde 1966 vom SFB verfilmt und hat es dann doch auf 4 (vier!) Austrahlungen gebracht. Das ist aber nicht die einzige Tragik – Georg Hermann war ein Deutscher jüdischen Glaubens und wurde am 19.11.1943 in Auschwitz ermordet.

Und ist seitdem vergessen.

Soundtrack dazu: Sick Horse – Master Ace, was sonst?

PS: Book Collectors are pretentious assholes – #2173 der nummerierten Erstausgabe!

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.474

Grey Owl – Pfade In Der Wildnis (Die Andere Bibliothek, 2019)

Gelesen: 06. – 07.09.2020, netto 311 Seiten

Und nochmal was von ganz früher, diesmal von 1931.

Archibald Stansfeld Belaney wurde 1888 in Hastings, Sussex, geboren und wollte als Kind schon Indianer werden. 1906 bestiegt er die SS Canada in Liverpool und emigrierte nach Halifax. Weiter gehts nach Nord Ontario und dort lebte und arbeitete er als Ranger, Trapper und Wildführer.

Nach einem kurzen Intermezzo in der kanadischen Armee als Sniper im ersten Weltkrieg kam er 1917 verwundet zurück nach Kanada. Jetzt nannte er sich Grey Owl und wollte nur noch Indianer sein. Mit aller Konsequenz.

Sein Leben wurde von Richard Attenborough mit Perce Brosnan 1999 verfilmt:

Das Buch ist mit Sicherheit besser als dieser Film: Es ist weniger eine Lebens- und Liebesgeschichte sondern wohl das erste Buch das für die Natur geschrieben wurde und darstellt, wie der hemmungslose Verbrauch von Natur eine Landschaft und die Menschen und Tiere in dieser Landschaft vernichtet.

Sehe sachlich, fast wissenschaftlich, lernen wir die Natur und das Leben im Einklang mit dieser Natur kennen. Und was diesen Einklang vernichtet. Toll.

Was sagen die Kanadier über Grey Owl?

Und wo hat er sich rumgetrieben?

Kopfkino galore!

Soundtrack dazu: YOUTH YOUTH YOUTH – Made In England, was sonst?

PS: Book Collectors are pretentious assholes – #0315 der nummerierten Erstausgabe!

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.473

Albert Londres – Afrika In Ketten (Die Andere Bibliothek, 2020)

Gelesen: 04. – 05.09.2020, netto 345 Seiten

Albert Londres war einer der Erfinder dessen, was später Investigativer Journalismus genannt wurde. Er berichtete nicht nur von Ereignissen, er erzeugte das Ereignis selbst.

Seine Reiseberichten in den nahen und fernen Osten habe ich schon gelesen, hier geht nur kurz in den Süden … die französischen Kolonien in Afrika sind sein Ziel.

2 Reportagen aus den 1920ern sind hier vereint: Zum einen sein Bericht über den Bau der Kongo-Eisenbahn, zum anderen ein Bericht aus den Straflagern des französischen Militärs in Nordafrika.

Der erste Teil ist historisch spannend, handelt er doch von dem wenig professionellen Handeln der Franzosen in Französisch-Äquatorialafrika. Diese Reisereportage ist sowohl spannend als auch erschreckend: Wo andere Länder (Belgien und das Vereinigte Königreich) die Ausbeutung professionell betreiben, da liefert die Grande Nation nur stümperhaftes Flickwerk. Und das ist aus Sicht von Londres zu kritisieren. Das Ausbeuten der Kolonien selbst? Voll ok! Das der Neger ein dummer Untermensch ist? Wird nicht in Frage gestellt.

Dennoch ein schonungsloser Bericht. Sklaven gibt es nicht mehr, aber Arbeitsdienst. Und mit diesem Bananen-Motor (ein schreckliche Worterfindung von Londres) errichteten die Franzosen eine Eisenbahn da der untere Kongo nicht schiffbar ist und ihre Kolonie somit vom Meer und von den Transportwegen nach Europa abgeschnitten war.

Von 1924 bis 1934 wurde die Eisenbahn von Brazzaville bis zum Hafen Pointe-Noire gebaut – durch Menschenkraft und unter Vernichtung von Menschenleben. Waren ja nur Bananen.

Dennoch erkennt Londres das es im Kolonialen Afrika nur einen Verlierer gibt:

( (c) Die Andere Bibliothek, 2020)

Während sein Bericht aus Zentralafrika ehr dazu dient den französischen Behörden Druck zu machen das ganze professioneller zu erledigen ist sein Bericht aus Nordafrika ein echter Killer: Er sorgt letztendlich dafür das das System der militärischen Straflager abgeschafft wird.

Hier setzt er mehr oder weniger auf die Kraft der Oral History, lässt die Opfer des Systems selbst zu Worte kommen und gibt damit den Schrecken ein Bild im Kopf des Lesers. Kleinste Verfehlungen im Militär konnten zu 20 Jahren Strafarbeit in Nordafrika führen, wo die Häftlinge von sadistischen Unteroffizieren weiter gequält wurden. Mehr als einer verstümmelte sich selbst, um in einem echten Gefängnis zu landen.

Spannend aber im Zeitkontext zu lesen. Ich mag sowas.

Soundtrack: Gogol Premier Et La Horde – Les Punks Africains, was sonst?

nb: Angeblich hat Hergé Londres als Vorbild für Tintin gesehen …

PS: Book Collectors are pretentious assholes – #2468 der nummerierten Erstausgabe!