Jérôme Leroy – Der Schutzengel (Edition Nautilus, 2020)
Gelesen: 14. – 18.06.2020, netto 338 Seiten
Jérôme Leroy schreibt gerne über den rechten Rand (der in Frankreich ja auch schon ziemlich fett ist) – hier nimmt er sich des Themas “Deep State” auf eine sehr französische Weise an – nennt es “état profond” wenn ihr wollt.
3 Protagonisten teilen sich dieses Buch, auf 3 Sichten wird die Geschichte Stück für Stück erzählt: Da ist Berthet und die Kapitel mit Berthet beginnen alle mit:
Berthet soll getötet werden. Das ist eine ziemlich schlechte Idee.
Und so ist das eben: Berthet ist der Mann fürs Grobe bei der Unité, einer geheimen Geheimpolizei, die für die französischen Eliten den Staat im Staate spielt (damit diese nicht so von der Politik abhängig sind). Er hat ein Hobby, seit vielen Jahren, und das ist Kardiatou Diop (eine wunderschöbne Senegalesin). Sie zu schützen, sie voranzubringen – das gönnt er sich als Ausgleich für seinen mörderischen Job.
Als er merkt das er zwischen die Fronten gerät nimmt er sich mit Martin Joubert einen Schriftsteller ohne Fortune und erzählt ihm die ganze Geschichte der Unité, damit nach seinem wahrscheinlichen Tod einen Gegengewicht Kardiatou schützt.
Kardiatou ist inzwischen Kulturstaatssekretärin und kämpft in einem Wahlkampf gegen die “Front” (ziemlich deutlich die Front Nationale und ihre Nachfolger). Sie ahnt das irgendeine Macht sie beschützt, kann diese aber nicht festmachen.
Drei Menschen, drei Geschichten und am Ende ein cooler Showdown: Berthet stirbt und gewinnt. Und der wahrscheinlich coolste letzte Satz in einem Krimi.
Ein ganz wunderbares Buch mit ganz viel Lehrstoff: Jede Menge Sex & Machismo, jede Menge Gutes über Wein und gutes Essen, schöne Reflexionen über die Rolle eines Schriftstellers in Zeiten von “Alternativen Fakten”, jede Menge Verschwörungstheorien und dazu ordentlich Action.
Und es wird ordentlich ausgeteilt, im Prinzip gegen die gesamte französische Gesellschaft.
Jérôme Leroy – Der Schutzengel ( (c) Edition Nautilus 2020)
JJ Amaword Wilson – Damnificados (Edition Nautilus, 2020)
Gelesen: 08. – 13.06.2020, netto 310 Seiten
Ich mag ja nicht nur Krimis, Thriller oder Noir – nein, ich mag auch Bücher in denen die Realität ganz leicht verschoben wird.
Damnificados (ein großartiges Wortspiel) ist so ein Buch. Inspiriert durch den real existierenden Torre de David in Caracas wird die Geschichte der Besetzung durch Slum-Bewohner mit einem Schuss Fiktion zu einer Fabel – letztendlich aber eine sehr aktuelle Geschichte über erzwungene Migration: Landbesitzer gegen Landbesetzer, Stadt gegen Land, Arm gegen Reich, Gewinner gegen Verlierer.
JJ Wilson hat sich dabei eng an der Wahrheit orientiert: Auch in der Realität wurden die Besetzer des Turm von einer Räte-Regierung geleitet, auf jedem Stockwerk gab es einen Stockwerk-Rat, alle 5 Stockwerke einen Gruppenführer.
Der Rest – der ewige Kampf der Bewohner ums überleben – ist mit viel Fantasie als Fabel angelegt: Doppelköpfige Wölfe, müllfressende Riesenkrokodile und biblische Sinfluten. Und immer wieder der Kampf der Bewohner, die innere Ordnung zu halten und ihrem Führer zu trauen.
JJ Amaword Wilson – Damnificados ( (c) Edition Nautilus 2020)
Wenn dein Kopf frei ist für viel Fantasie und die literarische Abstraktion echter Probleme in einer Welt weit weg von Deutschland – dann gönn dir das Buch.