Bücher, schnell gelesen: Teil 1.502

Marcello Fois – Abschiede (Polar Verlag, 2020)

Gelesen: 17. – 21.01.2021, netto 468 Seiten (plus 18 Seiten über Marcello Fois von der Übersetzerin).

Das ist italienischer Noir? Mhhhhh, auf jeden Fall ist das anders. Ich habe lange kein Buch mehr gelesen wo der Autor sich so viel Zeit (und Worte) nimmt fast schon uferlos über Wetter, Geographie, Geschichte und und und zu schreiben … um dann quasi mit einem Bang den Krimiplot voranzubringen.

Das ganze wirkt an der einen Stelle lehrreich, an der anderen Stelle deplatziert und dann manchmal einfach … anstrengend. Wenn der Leser sich aber darauf einlässt, dann entwickelt sich tatsächlich ein ganz eigener Rhythmus, eine ganz eigene Stimmung.

Es geht um Abschiede und davon sind hier einige zu verfolgen: Kommissar Striggio verabschiedet sich von seiner Kollegin, mit der er einen One-Night-Stand hatte. Leo, der Freund von Striggio, verabschiedet sich beinahe von Striggio – wegen dem One-Night-Stand. Der Vater von Striggio, ein ehemaliger Polizist, will sich eigentlich nicht von seinem Sohn verabschieden, er will lieber alleine mit dem Krebs sterben.

Und der kleine Michele, der verabschiedet sich nicht von seinen Eltern – der verschwindet einfach.

Aus dem einfachen Vermisstenfall mach Fois dann eine ordentlich komplizierte und persönliche Angelegenheit: Striggio kommt der Lösung alleine nicht näher und verkackt den Fall eigentlich. Bis sein Vater, ganz alter Polizist, auf den ersten Blick die Lösung hat.

Spannend und mit einem ganz eigenen Flow. In Summe trotzdem nicht mein Ding – ich brauche mehr Gewalt, mehr Blut, mehr Spannung. Oder aber das ganze etwas „crisper“. Freunde des gewählten Wortes und der blumigen Sprache bekommen allerdings 100% ihr Ding.

Interessante Noir Facette!

Soundtrack dazu: Hakan – I Saw God, was sonst?

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.494

Valentine Imhof – Aus Lauter Zorn (Polar Verlag, 2020)

Gelesen: 13. – 18.12.2020, netto 293 Seiten

Das wohl beste Buch über Musik und Gewalt. Vieleicht sogar das beste Buch 2020 – in jedem Fall ein sehr beeindruckendes Buch. Von einer Frau. Von einer Französin. Cool.

Mit einem beeindruckendem Rhythmus, welches andere Buch hatte je eine 4-seitige „Tattooliste“ und eine 3-seite Playlist im Anhang?

Was sagt Valentine dazu?

Ihr Buch ist zugleich poetisch und hat einen ganz speziellen Rhythmus. Ist das der Sound der Gewalt?

Es ist der Rhythmus der Welt. Ich habe immer schon laute, heftige Musik gehört, Rock und Punk. Das Tempo des Romans passt zu Alex‘ Flucht. Iggy Pops Song „Raw Power“ bringt diese letzten Zuckungen am stärksten zum Ausdruck: Rohheit gepaart mit Verletzlichkeit.

(Quelle) 

Und was ist das real? Die wohl beste Beschreibung eines Konzertes in einem Noir-Buch und die wohl beste Begründung warum es einen in eine Prügelpogo-Meute zeiht. Und das wohl beste Erwachen aus diesem Traum – reality hitting hard!

( (c) Valentine Imhof – Polar Verlag 2020)
( (c) Valentine Imhof – Polar Verlag 2020)

Bei allen nordischen Göttern – da fühle ich mich zuhause!

Alex, die coole Heldin, ist dabei eine Killerin. Warum? Nicht weil sie es kann, sondern weil sie glaubt es muss sein. Zwei Hinterwäldler haben sie vor Jahren im Süden der US of A entführt, tagelang vergewaltigt, verstümmelt und geschwängert. Das Kind: Abgetrieben. Die Hinterwäldler: Der Senior tot, mit abgeschnittenem Schwanz (an seinen Köter verfüttert), der Junior noch am Leben und in ihrem Kopf hinter ihr her.

Musik hilft ihr über den Tag, Tattoos verdecken ihre Wunden. Und es gibt zwei Sorten Männer: Einmal die, die ihr helfen. Und die, von denen Sie glaubt das sie für Junior Arbeiten. Am Ende sind beide Sorten Männer tot und Alex findet Erlösung.

Ein durch und durch großartiges Buch, voller stimmender Referenzen und mit gewaltig viel Drive: Laut Valtentine Imhof ist Alex „a hate machine with a heart of gold„, was für mich wie ein perfekter Song klingt.

Kein anderes Buch hat mich 2020 so zum klingen gebracht!

Kaufen! Lesen! Staunen!

Soundtrack dazu: Les Thugs – Paranoia, was sonst?

Und die Autorin?

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.488

Mike Knowles – Tin Men (Polar Verlag, 2020)

Gelesen: 12. – 16.11.2020, netto 320 Seiten

Hach, ein weiteres tolles Buch im Polar Verlag und ein weiteres Buch das aus Kanada kommt. Ganz offensichtlich (und das wird im exzellenten Nachwort von Marcus Müntefering klar) kommen daher klasse Krimis. Da muss ich tiefer einsteigen!

Nicht jeder Cop ist dreckig, aber die guten schon.

Perfektes Leitwort für dieses Buch, das sowas wie eine Cop Studie ist. 3 Tin Men (also herzlose Wesen aus Der Zauberer von Oz) werden vorgestellt:

Oz, der gewalttätige Cop der bisher immer davon gekommen ist. Woody, der drogensüchtige Cop (den eine Familientragödie in die Sucht getrieben hat) und Dennis, der fette Einzelgänger Cop mit der exzellenten Aufklärungsquote (der Angst davor hat das seine Sucht nach transsexuellen Prostituierten bekannt wird).

Alle drei werden aus dem normalen Trott herausgerissen, da eine Kollegin ermordet wurde. Genauer: Ausgeweidet wurde. Noch genauer: Der hochschwangeren Kollegin wurde das lebende Baby herausgeschnitten.

3 Cops, 3 Ansätze. 2 Teams (Dennis muss alleine ermitteln). Und noch mehr Tote. Udn Geheimnisse: Os ist nämlich der Vater des Kindes. Das ahnen die anderen beiden aber nicht.

Am Ende gibt es einen toten Cop, eine Cop der wohl in den Knast wandert und einen Cop der den Fall löst. Interessiert nur keinen, da es ja wieder einen toten Cop gibt.

Ein ganz großartiges Buch über Polizeiarbeit und Polizeirealität, gewalttätig lustig, verängstigend brutal und hochgradig ansteckend. Und ganz wunderbar lakonisch.

Im Opus von Mike Knowles ein Solitär – mal sehen ob das so bleibt.

Soundtrack dazu: Kremlin – No Hope For You, was sonst?