Bücher, schnell gelesen: Teil 1.505

Doug Johnstone – Der Bruch (Polar Verlag, 2020)

Gelesen: 28. – 30.01.2021, netto 296 Seiten.

Perfekt. Ein wirklich perfekter Krimi. Da passt alles: Ein Held, der kein Held sein will. Ein Mädchen, die die heimliche Heldin ist. Ein Gangster, der einfach er selbst ist. Eine Polizistin, die das gute versucht weil sie das schlechte selbst erlebt hat. Eine Mutter, die einfach nur ein abgefuckter Junkie ist. Ein Kleinkrimineller, der mit seiner Schwester zusammenlebt.

Und die gnadenlosen Unterschiede zwischen Arm und Reich, zwischen Zukunft und Verwahrlosung, in der Klassengesellschaft des Vereinigten Königreichs.

Spielort: Dùn Èideann. Greendykes Tower Blocks.

Greendykes was ranked as the 4th most deprived area in Scotland
in the Scottish Index of Multiple Deprivation 2006

Tylers Mutter ist Junkie, um Geld für Lebensmittel und für seine kleine Schwester Bean zu bekommen muss er seinen Bruder Barry bei Einbrüchen begleiten. Der ist ein durchgeknallter Irrer, der mit harter Hand die Familie regiert. Bei einem guten Fischzug sticht Barry die Besitzerin des Hauses nieder.

Tyler ahnte schon vorher, das sie sich das falsche Haus ausgesucht hatten – kurz darauf erfährt er es: Sie haben das Haus eines lokalen Gangsters leergeräumt. Einer, der in der Nahrungskette mehrere Kilometer über Barry steht.

Ab da heißt es für Tyler zu überleben, zusehen das Bean nichts passiert und zusehen das seine Mutter sich nicht ins Nirvana ballert. Und das die Polizei ihn nicht einsackt. Sagte ich schon Überleben?

Doug Johnstone macht daraus eine Milieustudie ohne erhobenen Zeigefinger. In jedem Fall zeigt er die Zustände in Edinburgh so wie sie sind – elend. Dunkel. Eine abgefuckte Gesellschaft mit abgefuckten Familien. Hoffnung? Nope!

Das kleine Leuchten das Tyler Hoffnung gibt kommt ausgerechnet aus einem reichen Stadtteil, von einer teuren Privatschule. Die Liebe schleicht sich in sein Leben, wobei Doug Johnstone das ganz dezent hält: Zarteste Bande. Und am Ende muss Tyler …

… wird nicht verraten, das Ende ist großartig.

Eine lakonische Studie über Menschen und was für eine Gesellschaft sie formen. Dunkel. Sehr dunkel. Hart. Tödlich. Luuuuv it!

Soundtrack dazu: W.O.R,M. – Hopeless, was sonst?

Bonus:

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.502

Marcello Fois – Abschiede (Polar Verlag, 2020)

Gelesen: 17. – 21.01.2021, netto 468 Seiten (plus 18 Seiten über Marcello Fois von der Übersetzerin).

Das ist italienischer Noir? Mhhhhh, auf jeden Fall ist das anders. Ich habe lange kein Buch mehr gelesen wo der Autor sich so viel Zeit (und Worte) nimmt fast schon uferlos über Wetter, Geographie, Geschichte und und und zu schreiben … um dann quasi mit einem Bang den Krimiplot voranzubringen.

Das ganze wirkt an der einen Stelle lehrreich, an der anderen Stelle deplatziert und dann manchmal einfach … anstrengend. Wenn der Leser sich aber darauf einlässt, dann entwickelt sich tatsächlich ein ganz eigener Rhythmus, eine ganz eigene Stimmung.

Es geht um Abschiede und davon sind hier einige zu verfolgen: Kommissar Striggio verabschiedet sich von seiner Kollegin, mit der er einen One-Night-Stand hatte. Leo, der Freund von Striggio, verabschiedet sich beinahe von Striggio – wegen dem One-Night-Stand. Der Vater von Striggio, ein ehemaliger Polizist, will sich eigentlich nicht von seinem Sohn verabschieden, er will lieber alleine mit dem Krebs sterben.

Und der kleine Michele, der verabschiedet sich nicht von seinen Eltern – der verschwindet einfach.

Aus dem einfachen Vermisstenfall mach Fois dann eine ordentlich komplizierte und persönliche Angelegenheit: Striggio kommt der Lösung alleine nicht näher und verkackt den Fall eigentlich. Bis sein Vater, ganz alter Polizist, auf den ersten Blick die Lösung hat.

Spannend und mit einem ganz eigenen Flow. In Summe trotzdem nicht mein Ding – ich brauche mehr Gewalt, mehr Blut, mehr Spannung. Oder aber das ganze etwas “crisper”. Freunde des gewählten Wortes und der blumigen Sprache bekommen allerdings 100% ihr Ding.

Interessante Noir Facette!

Soundtrack dazu: Hakan – I Saw God, was sonst?

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.494

Valentine Imhof – Aus Lauter Zorn (Polar Verlag, 2020)

Gelesen: 13. – 18.12.2020, netto 293 Seiten

Das wohl beste Buch über Musik und Gewalt. Vieleicht sogar das beste Buch 2020 – in jedem Fall ein sehr beeindruckendes Buch. Von einer Frau. Von einer Französin. Cool.

Mit einem beeindruckendem Rhythmus, welches andere Buch hatte je eine 4-seitige “Tattooliste” und eine 3-seite Playlist im Anhang?

Was sagt Valentine dazu?

Ihr Buch ist zugleich poetisch und hat einen ganz speziellen Rhythmus. Ist das der Sound der Gewalt?

Es ist der Rhythmus der Welt. Ich habe immer schon laute, heftige Musik gehört, Rock und Punk. Das Tempo des Romans passt zu Alex‘ Flucht. Iggy Pops Song „Raw Power“ bringt diese letzten Zuckungen am stärksten zum Ausdruck: Rohheit gepaart mit Verletzlichkeit.

(Quelle) 

Und was ist das real? Die wohl beste Beschreibung eines Konzertes in einem Noir-Buch und die wohl beste Begründung warum es einen in eine Prügelpogo-Meute zeiht. Und das wohl beste Erwachen aus diesem Traum – reality hitting hard!

( (c) Valentine Imhof – Polar Verlag 2020)
( (c) Valentine Imhof – Polar Verlag 2020)

Bei allen nordischen Göttern – da fühle ich mich zuhause!

Alex, die coole Heldin, ist dabei eine Killerin. Warum? Nicht weil sie es kann, sondern weil sie glaubt es muss sein. Zwei Hinterwäldler haben sie vor Jahren im Süden der US of A entführt, tagelang vergewaltigt, verstümmelt und geschwängert. Das Kind: Abgetrieben. Die Hinterwäldler: Der Senior tot, mit abgeschnittenem Schwanz (an seinen Köter verfüttert), der Junior noch am Leben und in ihrem Kopf hinter ihr her.

Musik hilft ihr über den Tag, Tattoos verdecken ihre Wunden. Und es gibt zwei Sorten Männer: Einmal die, die ihr helfen. Und die, von denen Sie glaubt das sie für Junior Arbeiten. Am Ende sind beide Sorten Männer tot und Alex findet Erlösung.

Ein durch und durch großartiges Buch, voller stimmender Referenzen und mit gewaltig viel Drive: Laut Valtentine Imhof ist Alex “a hate machine with a heart of gold“, was für mich wie ein perfekter Song klingt.

Kein anderes Buch hat mich 2020 so zum klingen gebracht!

Kaufen! Lesen! Staunen!

Soundtrack dazu: Les Thugs – Paranoia, was sonst?

Und die Autorin?