Tag: Polar Verlag

  • Bücher, schnell gelesen: 1.848

    Bücher, schnell gelesen: 1.848

    Samuel W. Gailey – Komm mit mir (Polar Verlag, 2026)

    Gelesen: 08. – 14.07.2026 (netto 275 Seiten)

    Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf.

    Black Walnut, 1980er Jahre. Pennsylvania. Da, wo die Winter hart sind und die Menschen … härter.

    Die Story beginnt cool: Der Pastor der kleinen Gemeinde, Cap, hat mal wieder einen Kater, wenn die Gemeinde im Bett ist gibt es für ihn nur noch Erlösung mit einer durchzechten Nacht.

    Als er seine Kirche verlässt, stößt er direkt vor der Tür auf einen Schwarm Krähen. Während er versucht, die Vögel zu verscheuchen, erkennt er schließlich, was sie verdeckt haben: die blutige Leiche eines gewaltsam zu Tode gekommenen Menschen.

    Rewind 15 Tage: Black Walnut bereitet sich auf Ostern vor. Cap steckt tief in seiner ständigen Glaubenskrise, während seine Gemeindeschwester Robin grübelt, wie sie ihren gewalttätigen, trunksüchtigen Ehemann dazu bewegen kann, der drei kleinen Kinder zuliebe einen Job anzunehmen.

    Maggie, die ehrenamtliche Organisatorin der Osterparade, hat ebenfalls Eheprobleme, und ihr Sohn Butch wird in der Middle School gemobbt.

    Auftritt Tess, eine gehörlose Frau von auswärts, die zu der Überzeugung gelangt ist, dass sie ihren Problemen nur durch den Tod entkommen kann. Und von Cap zumindest physisch aus ihrem Auto gerettet wird.

    Samuel W. Gailey seziert die Beziehungen, packt noch mehr Kleinstadtstress dazu und beschäftigt den Leser mit dem “warum”. Ziemlich cool übergeht er dabei die entscheidende Frage:

    Wer wird am Ende tot vor Caps Kirche liegen – und wer ist der Mörder?

    Spannung auf ganz andere Art und getragen durch einen starken (und stillen) Charakter: Tess.

    Samuel W. Gailey sagt dazu in einem Interview:

    The challenge in the book became its best opportunity. Tess, my female protagonist, is deaf. At the beginning of the story, I wanted to find a unique way to demonstrate Tess’s loss of power and how little voice she has in the acts of violence that are committed against her.

    At the same time, I wanted to take what can be perceived as a weakness or flaw and show how it actually makes Tess special and empowers her. Before making her deaf and mute, I struggled with her needs versus wants, her backstory, her physicality, and her voice. How she actually spoke and the things she might say.

    Once I removed her literal voice, she blossomed into a character with grit and tremendous inner strength. Silence became her power.

    Unten drunter schlummert aber auch eine Frage:

    Menschen, die den Wert von Liebe, Mitgefühl und Gemeinschaft erkennen und hochhalten – können sie einander verzeihen, wenn Grausamkeit sie zu verzweifelten Reaktionen treibt?

    Klasse, aber nicht in einem Rutsch zu lesen. Die Art wie Samuel W. Gailey die Gemeinde seziert tut fast körperlich weh.

    Mehr davon!

    PS: Danny aus Tiefe Winter hat hier auch einen Auftritt, cooler Trick!

    Soundtrack dazu: Mission of Burma – The Mute Speaks Out, was sonst?

    PS: Buchtrailer, à la française!

  • Bücher, schnell gelesen: 1.838

    Bücher, schnell gelesen: 1.838

    William Boyle – Heilige der Narrows Street (Polar, 2026)

    Gelesen: 26. – 28.05.2026 (netto 415 Seiten)

    Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf.

    Grad erst hab ich Megan Abotts Version des American Dream beendet, schon kommt eine weitere Variante – diesmal aus Brooklyn, NYC. Italienische Einwanderer. Die es in den US of A zu was bringen wollen. Und deren Kinder und Kindeskinder es zu was bringen sollen.

    William Boyle ist ein großartiger Erzähler, dieses ist sein sechste Buch bei Polar. Und wieder ein großer Wurf!

    Über einen Zeitraum von 18 Jahren, aufgeteilt in Teile die von 1986 über 1991, 1998 und 2004 jeweils immer nur zwei Tage darstellen begleitet der Leser Risa Franzone und ihren Sohn Fabrizio aka Fab, ihre Schwester Giulia und den gemeinsamen Freund Chooch. In Gravesend, einem italienischen Arbeiterviertel in Brooklyn.

    Im Sommer 1986 kommt Sav eines Nachts betrunken nach Hause und richtet scherzhaft eine Waffe auf Risa und ihren gemeinsamen Sohn. Später entbrennt ein Streit zwischen Sav und Risas jüngerer Schwester Gulia.

    Als Risa zu schlichten versucht, indem sie Sav mit einer gusseisernen Pfanne auf den Kopf schlägt, stürzt dieser und zieht sich dabei tödliche Verletzungen zu.

    In panischer Verzweiflung wenden sich die Schwestern hilfesuchend an ihren gutherzigen Nachbarn Christopher „Chooch“ Gardini. Chooch – ein Jugendfreund Savs, der offensichtlich Gefühle für Risa hegt – erklärt sich bereitwillig dazu bereit, die Leiche zu beseitigen.

    Diese aus Panik getroffene Entscheidung wird Risa, Giulia und Chooch auf Jahre hinaus verfolgen und stellt ihr Leben mehr oder weniger auf den Kopf.

    Alles, was die Schwestern und Chooch danach erleben, ist von jener verhängnisvollen Nacht geprägt – ihre Welt wird durch Gewalt und Angst neu definiert.

    Ihr Leben wird davon bestimmt eine Lüge aufrecht zu erhalten (“Sav ist wie sein großer Bruder Roberto abgehauen, weil er Jimmy Tomasullo die Frau ausgespannt hat”) und allen Fallen aus dem Weg zu gehen, die diese Lüge offenbaren könnten.

    Aber aus dem Schicksal gibt es kein Entkommen: Als Savs großer Bruder wieder auftaucht glaubt er die Story nicht. Und Chooch triggered Jimmy damit, das er ihm brühwarm erzählt das Roberto wieder da ist.

    Und das Bewahren der Lüge kostet nicht nur Roberto das Leben sondern auch dessen Eltern. Und Jimmy steckt sich danach die Knarre in den Mund.

    ( (c) Polar Verlag, 2026)

    Noch mehr Schuld für Risa, die aber von Robertos Eltern ein gutes Erbe bekommt. Und damit weiterleben kann. Am Ende will Fab die Lüge aufklären und macht sich auf die Suche nach seinem Vater. Auch das endet tödlich, für Fab.

    Die Story eigentlich aller Personen im Buch ist irgendwie voll mit der unerfüllten Hoffnung, die kleine Enklave Gravesend zugunsten eines besseren Lebens zu verlassen. Aber diese Hoffnung, die ist tödlich.

    William Boyle schreibt ja immer über “Schlechte Leute, die Gutes tun und Gute Leute, die Schlechtes tun“. Ist das Gute hier die Wahrheit? Und das Schlechte das Überleben im Viertel?

    Die fast vollständige Abwesenheit von Cops macht aus dem Buch einen Noir der besonderen Art. Die handelnden Personen definieren sich über die Entscheidungen, die sie treffen und nicht durch die Umstände, in die sie hineingeworfen werden.

    Das ist dann wohl der feine Unterschied zwischen Noir und großer Literatur. Stille Momente der Gnade, des Schmerzes und der Liebe.

    Trotz 5 Toter.

    William Boyle hats drauf. Kaufen!

    Soundtrack dazu: Flogging Molly – Saints & Sinners, was sonst?

    PS: Und William Boyle so?



  • Bücher, schnell gelesen: 1.834

    Bücher, schnell gelesen: 1.834

    Malin Thunberg Schunke – Tödliche Felder (Polar Verlag, 2026)

    Gelesen: 07. – 20.05.2026 (netto 373 Seiten)

    Aus dem Schwedischen von Stefanie Werner.

    Schon das erste Buch von Malin Thunberg Schunke bei Polar war ein ziemlicher Brocken, für Tödliche Felder gilt das auch. Diesmal gibt es aber weniger Recht & Gesetz sondern tatsächlich sowas wie einen länderübergreifenden Krimi.

    Die Mafia in Italien macht ja so mit allem Geschäft, was ordentlich Geld abwirft. Neben Drogen gibt es auch … Bio Tomaten. Damit kann auch gutes Geld verdient werden, wenn die Saisonarbeiter wie Sklaven behandelt werden, das Ernterisiko mit Chemie begrenzt wird und auch sonst die Regeln die eigenen sind.

    Saisonarbeiter aus Polen und Rumänien sind in Italien verschwunden, eine Ermittlungsgruppe mit Hilfe von Eurojust wird aufgestellt und Fabia Moretti und Esther Edh haben einen neuen Fall.

    Das ganze ist ziemlich nah an der Realität, bezieht sich durchaus auf die Wirklichkeit in Europa, wo verbotene Pestizide immer noch gehandelt werden dürfen (nur nicht eingesetzt). Von Italien zieht sich der Fall auch nach Hamburg, da über den Hafen die Importe der Chemikalien aus China laufen.

    Dazu kommt noch einen Nebenschauplatz in Stockholm, der Freund von Esther ist offensichtlich … ein Cliffhänger.

    Ich komme irgendwie nicht besonders gut mit der wirklich ausführlichen Art von Malin Thunberg Schunke klar und das Lesevergnügen fühlt sich zäh an – die Spannung jedoch, die ist da (kommt halt nur langsamer ins Rollen).

    Am Ende aber ein sattes Stück Europa-Realität, incl. einem von der Mafia entführten Journalisten (der zu nah dran war), armen Italienern, die knallhart ausgenutzt werden (und das doppelt), und Mafia-Gangstern mit BWL Abschluss die einfach mit ihrem Geschäft durchkommen.

    Immer noch anders, immer noch nicht schlecht. Bin gespannt was aus dem Cliffhänger wird!

    Soundtrack dazu: Asedio – Campo de batalla, was sonst?