Bücher, schnell gelesen: Teil 1.472

William Gay – Stoneburner (Polar Verlag, 2020)

Gelesen: 02. – 03.09.2020, netto 370 Seiten

Von William Gay (2012 verstorben) habe ich vor 8 Jahren schon eine schöne Geschichte gelesen. Stoneburner spielt im gleichen geographischem Kosmos – dem Land der Hinterwäldler.

Das Buch ist nach dem Tod von Gay von seinen Erben aus dem Nachlass gesichert und druckfertig gemacht worden. Diese Arbeit hat sich definitiv gelohnt.

Und das Buch selbst hat noch mehr Geschichte: William Gay hatte sich mit Cormac McCarthy angefreundet, der seine Bücher in einem ähnlichen Setting spielen lässt. Das Buch selbst war fertig als McCarthy mit No Country For Old Men herauskam und darin ähnliche Versatzstücke verpackte: Drogenhandel, ein Koffer voll Geld auf Abwegen und die Jagd danach. Und eben wegen dieser Überschneidungen legte Gay das Manuskript erstmal auf die Seite.

Das Buch ist ein klasse 70er hard-boiled Roman, voller verrückter Männer und hübscher Frauen. Die Männer wollen Geld, Alkohol und Frauen. Die Frauen wollen Männer mit Geld. Und deren Geld. Der Privatermittler Stoneburner möchte eigentlich nichts davon, sondern am Ufer des Tennessee River seine Ruhe haben.

Aber dann kommt sein alter Vietnam-Kamerad Thibodeaux und klaut dem lokalen Schwergewicht nicht nur das Mädchen sondern auch Geld. Und geht auf einen Trip an dessen Ende er natürlich der Verlierer ist. Stoneburner soll das Geld wiederbeschaffen aber das gelingt ihm nicht. Ihm gelingt lediglich am Leben zu bleiben, was nicht jedem im Buch vergönnt ist.

Das Buch ist klar gegliedert, im ersten Teil erleben wir Thinodeaux, im zweiten Stoneburner. Also eine Geschichte mit zwei Sichten. Und dazwischen gibt es sehr viel Moral, allerdings die Moral der Menschen da hinten in Tennessee, Mississippi, Alabama und Texas. Und die ist und war anders.

Ein ganz wunderbar dunkles Buch voller Hoffnungen, die sich nicht erfüllen.

Soundtrack dazu: Swingin‘ Utters – More Or Less Moral, was sonst?

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.467

James Anderson – Lullaby Road (Polar Verlag, 2020)

Gelesen: 15. – 19.08.2020, netto 357 Seiten

Nach Desert Moon das zweite Buch von James Anderson im Polar Verlag … mit noch mehr Desert Noir und mit noch mehr … Gewalt.

Der Inhalt ist neu aber die Geschichte im Prinzip nicht: Entlang der State Road 117 in Utah leben Menschen, die sich zurückgezogen haben. Die keinen Bock mehr auf die Welt haben. Und die auf Trucker Ben angewiesen sind, um die Dinge des Lebens vor die Haustür geliefert zu bekommen.

Aber das Leben bleibt gemein, die Welt ist böse. Und die Wüste ist einfach rücksichtslos und verzeiht nichts. Dein bisheriges Leben nicht. Und Fehler schon gar nicht. Aber Ben macht keine Fehler: Trotz Schnee, trotz Eis – trotz Waffen die auf ihn gerichtet werden … er macht das was eigentlich der US Postal Service machen sollte (aber nicht mehr macht), was UPS und Federal Express machen sollten (aber nicht mehr als lohnenswert erachten): Er bringt Dinge von A nach B.

Das ganze ist zwar schon eine Crime Story mit ein wenig Who-dun-it aber im Grunde ist es eine ganz wunderbare Geschichte über eine wunderbare Landschaft mit wunderlichen Menschen. Sagte ich schon wunderbare Landschaft?

James Anderson schaft mit dieser Landschaft eine ganz eigene Geschichte aufzuziehen, weder der verrückte Priester (der wegen seiner Sünden ein Kreuz durch die Wüste schleppt) noch der verstümmelte Arzt (der seine Schmerzen wegtrinkt) sind Fremdkörper – sie passen genauso wie das Böse (das diesmal Jagd auf Kinder macht) in die Landschaft.

Am Ende überlebt Ben nur knapp, hat aber seine Nachbarin und ihr Kind wieder. Und das der State Trooper überlebt hat (wenn auch ohne Ohr), das macht Lust und Laune auf den nächsten Band.

Ganz wunderbar, ganz erdig. Und ganz menschlich in großartiger Natur. Und ja, das Böse ist auch da.

Soundtrack dazu: Meat Puppets – Lost, was sonst?

Sing-a-along:

Lost on the freeway again
Lookin‘ for means to an end
Nobody knows which way it’s gonna bend
Lost on the freeway again

Walkin‘ the breezeways again
Lookin‘ for something my friend
I’ve grown tired of living Nixon’s mess
Walkin‘ the breezeways again

I know there’ll come a day
When you say that you don’t know me
I know there’ll come a time
When there’s nothing anybody owes me anymore

Locked in the attic again
Out of the shallow and into the deep end
I’ve got a wound I know will never mend
Locked in the attic again

I know there’ll come a day
When you say that you don’t know me
I know there’ll come a time
When there’s nothing anybody owes me anymore

PS: Oft mecker ich über das deutsche Cover – hier ist es um Längen besser: Passt perfekt in die Polar Serie und passt atmosphärisch wie Sandkorn in die Wüste.

James Anderson – Lullaby Road (Crow, 2018)

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.466

William Boyle – Eine Wahre Freunding (Polar Verlag, 2020)

Gelesen: 08. – 14.08.2020, netto 351 Seiten

William Boyle ist eine ziemlich guter Autor der seine Bücher mit einem coolen Kniff verbindet: Eine Nebenfigur aus dem letzten Buch wird eine zentrale Figur aus dem nächsten.

Amy aus Gravesend brilliert in Einsame Zeugin. Und Rena Ruggiero, am Ende von Einsame Zeugin um ihren Man „Gentle Vic“ (ein Mafiakiller) gebracht, brilliert in Eine Wahre Freudin.

Ich finde das sehr smart, vor allem weil es den Focus weniger auf einen Serien-Helden als viel mehr auf eine große Geschichte vor einem konistenten Hintergrund legt. Hintergrund ist immer noch NY, die Bronx und die Mafia. Aber mehr als Familie. Mehr auf die Familienmitglieder der Mafia Mitglieder. Und vor allem auf die Frauen.

Frauen sind bei ihm laute stille Helden. Frauen bei denen Talk – Action immer ein negatives Ergebnis ergibt. Hier ist Rena, die irgendwann einfach keine Bock mehr auf die Anmache ein 80-jährigen hat: Sie knallt ihm den Aschenbecher gegen den Kopf und glaubt danach das er Tod ist.

Also klaut sie seinen Impala und landet in einem Roadmovie voller toter Männer und kluger, lustiger und starker Frauen: Großmütter, Mütter, Töchter.

Und dazu packt William Boyle solche Weisheiten:

(c) Polar Verlag 2020

Das ganze hat tatsächlich was von Elmore Leonhard (nur moderner), das würde tatsächlich eine wunderbare Screwball Noir Geschichte als Film. Eigentlich sollten die Frauen schon lange tot sein, aber sie kommen immer wieder raus, davon – weiter. Als Freunde.

Am Ende bleibt die spannende Frage: Wird mit Dennis ein Man der Held im nächsten Buch? Ich bin gespannt, das ist große Literatur mit ausreichend Gewalt, Härte und Tod.

Soundtrack dazu: Avail – Monroe Park, was sonst?