Tag: Polar Verlag

  • Bücher, schnell gelesen: 1.810

    Bücher, schnell gelesen: 1.810

    Jake Hinkson – Die Tochter Des Predigers (Polar Verlag, 2025)

    Gelesen: 15. – 18.01.2026 (netto 325 Seiten)

    Aus dem amerikanischen Englisch von Jürgen Bürger.

    So früh im Jahr und ich muss schon meine interne Shortlist für das beste Buch des Jahres aufmachen. Danke, Polar Verlag!

    Es ist ein Buch voller Kontraste und es fängt ganz wunderbar blutig an. Und in diesen Anfang hat Jake Hinkson auch schon einen ganzen wunderbaren Kniff eingebaut (den ich natürlich nicht verrate).

    Und schwenkt dann auf Lily, einem jungen Mädchen aus einer archaischen Kirche: Sie ist Mitglied bei den Oneness Pentecostals, eine Strömung innerhalb der Pfingstbewegung. Für die gibt es keine Dreifaltigkeit sondern ein ungeteiltes Wesen, das sich in verschiedenen Formen offenbart und Jesus ist.

    Und, klar, die haben einen Hau: Keine Handys, keine Fernseher, kein Make-Up, die Frauen schneiden ihre Haare nicht und … die Gemeinde spricht bei ihren Gottesdiensten in Zungen.

    Lily ist 18, schwanger und ihre Freund Peter ist verschwunden. Helfen will ihr keiner, weder die Polizei noch die Familie. Noch Peters Familie. Alle sind ehr damit beschäftigt, die Schande der Schwangerschaft zu bespielen.

    Die Kirchengemeinde ist klein und hält zusammen, nach sehr archaischen Vorstellungen. Im Laufe des Buches kostet das Lilys Vater auch den Job als Pastor der Gemeinde.

    Lily aber ist mit dem einfachen aber klaren Kompass der Kirche aufgewachsen und folgt diesem: Sie kann nicht glauben, das Peter sie und sein Kind verlassen hat. Und stellt Fragen. Und folgt Spuren.

    Und trifft auf einen Onkel, der eine Persona non-grata in der Familie ist: Eigentlich der Bruder ihrer Mutter, aber entstanden aus eine Affäre ihrer Großmutter. Ein Berg von einem Mann. Schwul. Atheist. Aber er hat mit Peter in einem Hotel zusammengearbeitet.

    Die absolute Unschuld von Lily bringt sie natürlich in Gefahr, denn das Hotel wird auch benutzt um Geld aus Zwangsprostitution zu schlagen. Und da Lily einfach nicht locker läßt und die Gefahr nicht kennt auf die sie zusteuert, hilft ihr Onkel ihr.

    Am Ende finden sie Peter, aber der Kniff vom Anfang des Buches kommt quer. Und statt eines Happy Ends gibt es ein Blutbad und eine Lily, die sich die Haare abschneidet.

    Denn Jesus hat ihr am Ende auf ihre Fragen nicht geantwortet. Und die Kirchgänger entpuppen sich nicht nur als brave Irre.

    Wow, was für ein klasse Buch und was für eine coole Noir-Story. Das Setting im ländlichen Arkansas und im Dunstkreis einer aus meiner Sicht durchgeknallten Kirchengemeinde ist nahezu perfekt.

    Das beste aber ist, das Lily ihrem Kompass folgt. Der ist einfach, aber das ist das einzige was sie hat. Und der führt sie mit Hilfe ihres Onkels durch das ländliche Arkansas, heruntergekommene Motels, zu Kleinkriminellen und plötzlicher, brutaler Gewalt.

    Ähnlich wie S.A. Cosbys „Die Rache Der Väter“ zwingt er zwei gebrochene Menschen, Fragen zu ihrem eigenen Leben zu stellen. Nur das es hier bei den Fragen bleibt. Das Blut, das bekommen die anderen schon hin.

    Großartig. Einzige Kritik: Der Originaltitel ist “Find Him” und spiegelt die Quintessenz des Buches viel besser wieder. Das ist nämlich der Ansporn für Lily, der nie versiegt.

    Soundtrack dazu: Off With Their Heads – Come Find Me, was sonst?

    PS: Bereits 2021 erschien Verdorrtes Land von Jake Hinkson bei Polar. Und irgendwie ist mir das durchgerutscht, obwohl ich immer alles vom Polar Verlag blind kaufe. Damn!

    PPS: Und Conway, Arkansas?

  • Bücher, schnell gelesen: 1.805

    Bücher, schnell gelesen: 1.805

    Felicity McLean – Red (Polar Verlag, 2025)

    Gelesen: 29. – 30.12.2025 (netto 243 Seiten plus ein Nachwort von Nachwort von Günther Grosser)

    Aus dem australischen Englisch von Kathrin Bielfeldt.

    Das Jahr 2025 ist fast um und ich glaube ich habe gerade eines meiner Lieblingsbücher 2025 gelesen.

    Bei Polar ist 2021 bereits Cordie erschienen, ein großartiges Kinderbuch. Ok, ein großartig dunkles Kinderbuch. Nur nicht unbedingt für Kindern.

    Red knüpft an das Kinderbuch-Setting an, aber nicht inhaltlich. Nachweislich des Nachwortes (mir hätte sich das so nicht ergeben) hat Felicity McLean die Ur-Australische Geschichte von Ned Kelly einfach in die 1990er geschoben und als Helden ein 15 Jähriges Mädchen genommen.

    Ned Kelly hat seine Geschichte damals einem Mitglied seiner Bande 1879 in die Feder diktiert, bevor er 1880 dann gefasst und gehängt wurde. Es ist eine beeindruckende Oral History.

    Ruby Sherrin McCoy aka Red erzählt uns ihre Geschichte ins Gesicht. Und die Geschichte ihrer Familie. Aus dem Knast. Dort sitzt sie und wartet auf ein Urteil. Denn sie hat auf einen Polizisten eingestochen.

    Das “warum” ist kompliziert und doch einfach – für die Familie von Red gilt nämlich:

    They fought the law. The law won. Such is life.

    Die Story, die Red erzählt, ist durch und durch mit Tragik behaftet. Der Leser ist irgendwie nicht von ihrem Schicksal überrascht. Ihre väterlichen Bezugspersonen Sid und Chook verkörpern abgebrühte australische Working Class, immer auf der Suche nach einem zwielichtigen Geschäft.

    Ihre (und die ihrer Familie) Nemesis Healy ist der lokale Polizeisergeant, ein typischer Dorf-Sheriff mit quasi unkontrollierter Macht. Piesackt Sid und Red. Nutzt Sid aus. Verarscht ihn und Chook und bringt sie mit einem Trick in den Knast.

    Fast alle von Red erwähnten Personen fühlen sich dabei sowas von real an. Und das liegt auch am Hauptkniff des Buches:

    Die Story wird vollständig aus Reds Perspektive erzählt, in einem hektischen, umgangssprachlichen Stil, gespickt mit vielen „Ja“s und meist ohne Interpunktion. So wie junge und vermeindlich ungebildete Menschen eben sprechen.

    Dieser Trick erfüllt dabei mehr als einen Zweck: Felicity McLean versetzt den Leser direkt in Reds Sichtweise und unterstreicht dabei dass die Wahrheit einer Geschichte davon abhängt, wessen Perspektive wir hören. Und das ist die Verbindung zu Ned Kellys eigenem Manifest, in dem er seine Sicht der Übel in der Australischen Kronkolonie darlegt.

    Ich habs verschlungen. Und mehr als einmal hab ich mich auf die Seite von Red geschlagen. Aber wer Arm ist, muss Arm bleiben. Wer nicht mitspielt, ist draußen. Wer aufmuckt, wird kleingemacht.

    Boah, das ist sowas von heute!

    Soundtrack dazu: Stranglehold – Knock Me Down, was sonst?

    PS: Und Felicity so?

  • Bücher, schnell gelesen: 1.801

    Bücher, schnell gelesen: 1.801

    John Vercher – Umnachtet (Polar Verlag, 2025)

    Gelesen: 08. – 11.12.2025 (netto 293 Seiten)

    Aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke.

    John Vercher hat mich schon einmal mehr als überzeugt, 2022 brachte der Polar Verlag bereits Wintersturm heraus und das war ein fulminanter Kopfkinozünder.

    Diesmal nimmt John den MMA Circuit, das amerikanische Gesundheitssystem und Sportschäden (Kopfverletzungen) in den Blick. Und damit einen MMA Kämpfer mit einiger Erfahrung und mit einer einjährigen Sperre.

    Von Anfang an ist Xavier, ein ebenso erfahrener wie alter MMA Kämpfer, auf dem Weg nach unten:

    Sein Sportschäden haben mehrere Folgen: Verlust des Kurzzeitgedächtnis und Stimmungsschwankungen. Dazu sein weißer Vater, der mit Alzheimer ein Pflegefall ist und ihn Nigger nennt. Und seine schwarze Mutter, die ihn und den Vater verlassen hat.

    Immer wenn irgendwas gut läuft, haut Xavier es wieder um. Immer wenn sich ein Ausweg anbietet, nimmt Xavier den schweren Weg. Immer wenn die Sonne scheint, verschläft Xavier.

    Das Ende zielt auf seinen letzten Kampf, der ein letzter Betrug werden muss, aus vielen Gründen (u.a. weil Xavier mal eben im Training einen jungen Kämpfer, mit dem die wirklich Bösen Geld verdienen wollten, total auseinandergenommen hat. Blackout Xavier, Karriereende Hoffungsträger).

    Der letzte Kampf kommt, sein Vater ist tot und mit seiner Mutter hat er sich versöhnt. Und verkackt es trotzdem, aber anders.

    Der Schlussakkord ist überraschend aber, wer dem Originaltitel folgend.

    Das Buch ist langsam. Zuzugucken wie harte Jungs vor die Hunde gehen ist hart. Xaviers Wahnsinn ist fies.

    Ein echte Keine Hoffnung Buch und damit wirklich gut.

    Soundtrack dazu: Channel 3 – After The Lights Go Out, was sonst?

    PS: Und John so?