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  • Bücher, schnell gelesen: Teil 1.495

    Bücher, schnell gelesen: Teil 1.495

    Alf Burchardt, Bernd Jonkmans – Hamburg Calling (Junius Verlag, 2020)

    Gelesen: 18.12.2020, netto 141 Seiten

    Viele haben über die Jahre darüber geredet, einige haben im kleinen Rahmen sogar damit angefangen Sachen für sowas zusammengetragen – ein Buch ist nie daraus geworden. Das blieb also mehr oder weniger den Profis überlassen:

    Mein Freund Alf ist gelernter Journalist, gaaaaanz früher bei Sounds, dann bei Szene Hamburg, dann im Radio und später ganz viele Jahre bei einem großen Magazin. Sein Kumpel Bernd ist Fotograf und hat bereits Musikafine Bücher rausgebracht.

    Alf ist gerade in Rente gegangen und hatte damit sowohl Zeit als auch Ehrgeiz und Erfahrung sowas auf die Beine zu stellen. Und Kontakte. Vor allem zu Sabine Schwabroh, die er noch aus Sounds Tagen kannte und die auf einem echten Bilderschatz sitzt (der hoffentlich irgendwann einer Stiftung zu Kuratierung übergeben wird).

    Der Untertitel trifft es: Punk, Underground & Avandtgarde 1977 – 1985 in Hamburg. Chronologisch und bildgewaltig geht von den Anfängen des Punk bis zum Ende der ersten zwei Generationen – und dem Ende von dem was Underground war und durch z.B. NDW in das helle Licht der Industrie gezerrt wurde (durchgekaut und ausgespuckt).

    Video kills the radio star … ((c) 2020 NDR)

    Die Bilder stehen im Vordergrund, dazu kurze O-Töne via Interviews mit Protagonisten: Alfred Hilsberg (1977 – Zick Zack), Jaeki Eldorado (1978 – Aus Lauter Liebe), Eugen Honold und Mike Stanger (1979 – Pretty Vacant, Buttocks, Krawall 2000), Klaus Maeck (1979 – Rip Off), Frank Z (1980 – Abwärts), Andreas Dorau (1981 – selbst), Timo Blunk (1981 – Palais Schaumburg), Anja Huwe (1981 – X-Mal Deutschland), Michael Ruff (1982 – Geisterfahrer), Mona Mur (1982 – selbst), Clemens Grün (1983 – Kir), Clemens Gertler (1983 – Subito). Christian Henjes (1984 – The Beauty Contest), Shorsch Kamerun (1985 – Die Goldenen Zitronen).

    Die Interview sind einfach (fast altbacken) und geben mir als Insider kaum Neuheiten – aber ich bin sicher nicht das Maß der Dinge. Dazu werden die bevorzugten Örtlichkeiten verortet (große Erinnerungen an das Subito und an das Versuchsfeld) und ausgesuchte Platten danebengestellt.

    Leider kommt mein wildestes Konzert ever mit nur einem Bild zu kurz: Die Haut, Lydia Lunch und Birthday Party im Versuchsfeld:

    26.06.1982

    Das war das erste Mal wo mir bewusst wurde was eine mit Alkohol und Drogen bis zum Anschlag vollgeballerte Crew auf der Bühne loslassen kann – der absolute Hammer. Wir hatten keine Ahnung was uns da treffen wird und wir bekamen eine derartige Breitseite. Mitten in die Fresse rein.

    Das Plakat hatte mit “This is the last day of the rest of your life” nicht unrecht, der Abend hat meine Abstinenz bei Drogen (außer Alk) nur bestätigt.

    Alles in allem ein tolles Buch für die Erinnerung, denn alles was hier vorkommt habe ich miterlebt: Erst kam der Punk, dann erweiterte sich das Spektrum auf “Neue Musik” und dann ist die Szene zerfasert: Ich bin bei US H/C und Oi! abgebogen und heute wohl Teil der von Campino im Vorwort benannten Hamburger Oldschool-Szene – andere sind andere Wege gegangen.

    Was fehlt ist all das was Abseits der Musik passierte: Politische Zusammenhänge, Polizeigewalt gegen jugendliche Punker und DIY Punk im weitesten Sinne: Die Szene abseits der Markthalle. Die Szene der Fanzines (die leider nur graphisch vertreten ist). Wie ein harter Kritiker bemerkte “… die durch und durch bürgerliche Sicht auf Punk etc” – wo er Recht hat hat er Recht. Aber das ist für mich auch nicht schlimm, war es doch zuerst die Musik die mich anzog und immer noch – neben den Freunden und Konzertbegleitern – begeistert.

    Jetzt fehlt nur noch ein Filmemacher, der “Hamburg Hardcore” als Antwort auf American Hardcore hinbekommt.

    nb: Die erste Auflage ist fast ausverkauft, eine zweite (incl. kleiner Fehlerkorrekturen) könnte es sogar auch noch geben. Ich wäre für eine erweiterte Ausgabe mit deutschem und englischem Text.

    Soundtrack dazu: Fettes Brot – Hamburg Calling, was sonst?

    PS: Book Collectors Are Pretentious Arseholes – ich habe ein Exemplar mit persönlicher Widmung …

    Danke Alf!

    PPS: Responsible Disclosure – ich hab für das Buch gespendet, im Buch sind Dinge aus meinem Archiv abgebildet und Alf (mit dem ich seit fast 40 Jahren Konzerte und Fußballspiele besuche) hat für das Buch auch mit mir gesprochen (und mit anderen, die wie ich rund um ihn am Millerntor sitzen).

    Und zusätzlich zwei Konzerte bei denen ich war und die genau hier hin passen:

    1980:

    1981:

  • Bücher, schnell gelesen: Teil 1.494

    Bücher, schnell gelesen: Teil 1.494

    Valentine Imhof – Aus Lauter Zorn (Polar Verlag, 2020)

    Gelesen: 13. – 18.12.2020, netto 293 Seiten

    Das wohl beste Buch über Musik und Gewalt. Vieleicht sogar das beste Buch 2020 – in jedem Fall ein sehr beeindruckendes Buch. Von einer Frau. Von einer Französin. Cool.

    Mit einem beeindruckendem Rhythmus, welches andere Buch hatte je eine 4-seitige “Tattooliste” und eine 3-seite Playlist im Anhang?

    Was sagt Valentine dazu?

    Ihr Buch ist zugleich poetisch und hat einen ganz speziellen Rhythmus. Ist das der Sound der Gewalt?
    
    Es ist der Rhythmus der Welt. Ich habe immer schon laute, heftige Musik gehört, Rock und Punk. Das Tempo des Romans passt zu Alex‘ Flucht. Iggy Pops Song „Raw Power“ bringt diese letzten Zuckungen am stärksten zum Ausdruck: Rohheit gepaart mit Verletzlichkeit.
    
    (Quelle) 
    

    Und was ist das real? Die wohl beste Beschreibung eines Konzertes in einem Noir-Buch und die wohl beste Begründung warum es einen in eine Prügelpogo-Meute zeiht. Und das wohl beste Erwachen aus diesem Traum – reality hitting hard!

    ( (c) Valentine Imhof – Polar Verlag 2020)
    ( (c) Valentine Imhof – Polar Verlag 2020)

    Bei allen nordischen Göttern – da fühle ich mich zuhause!

    Alex, die coole Heldin, ist dabei eine Killerin. Warum? Nicht weil sie es kann, sondern weil sie glaubt es muss sein. Zwei Hinterwäldler haben sie vor Jahren im Süden der US of A entführt, tagelang vergewaltigt, verstümmelt und geschwängert. Das Kind: Abgetrieben. Die Hinterwäldler: Der Senior tot, mit abgeschnittenem Schwanz (an seinen Köter verfüttert), der Junior noch am Leben und in ihrem Kopf hinter ihr her.

    Musik hilft ihr über den Tag, Tattoos verdecken ihre Wunden. Und es gibt zwei Sorten Männer: Einmal die, die ihr helfen. Und die, von denen Sie glaubt das sie für Junior Arbeiten. Am Ende sind beide Sorten Männer tot und Alex findet Erlösung.

    Ein durch und durch großartiges Buch, voller stimmender Referenzen und mit gewaltig viel Drive: Laut Valtentine Imhof ist Alex “a hate machine with a heart of gold“, was für mich wie ein perfekter Song klingt.

    Kein anderes Buch hat mich 2020 so zum klingen gebracht!

    Kaufen! Lesen! Staunen!

    Soundtrack dazu: Les Thugs – Paranoia, was sonst?

    Und die Autorin?

  • Bücher, schnell gelesen: Teil 1.493

    Bücher, schnell gelesen: Teil 1.493

    Marcie Rendon – Stadt Land Raub (Argument Verlag, 2020)

    Gelesen: 07. – 12.12.2020, netto 218 Seiten

    Das Buch ist eine perfekte Ergänzung zu Éric Plamondon und Grey Owl und ist ein echter Krimi, der in dem gleichen Kontext spielt: North American Natives (in den US of A und in Kanada), ihre Unterdrückung, ihre Verschleppung (in Pflegefamilien) und ihr Verschwinden.

    Verschwinden? In Kanada sind 2019 ca. 4.000 indianische Frauen verschwunden oder ermordet worden, in den US of A wird die Zahl auf ca. 3.000 geschätzt. Der Backdrop ist also real auch wenn das Buch in den 1970ern spielt.

    Cash ist eine junge Indianerin, clever und passionierte Poolspielerin und Biertrinkerin. Sie ist so klug, das sie sich von bestimmten Collegekursen freitesten kann. Das gibt ihr Zeit für einen Nebenjob (Truckfahrer) und zum Pool spielen.

    Und sie hat offene Ohren und offene Augen und als ein Mädchen aus ihrem Kurs verschwindet ist es ihr nicht egal. Zumal der lokale Sheriff um ihre Hilfe bittet.

    Das Buch ist dabei nicht auf eine Linie festgelegt: Mal ist es wie angekündigt hard-boiled, mal ist es Roadmovie.

    Die Bösen? Der weiße Man. Wer rettet die Mädchen? Cash.

    Für mich nicht immer hart genug aber trotzdem ausreichend spannend. Und bestätigt im Kontext letztendlich nur wie chauvinistisch und widerlich die Weißen mit den Natives umgegangen sind und immer noch umgehen.

    Soundtrack dazu: Moss Icon – Kiss The Girls And Make Them Die, was sonst?