Bücher, schnell gelesen: Teil 1.524

Ryan Gattis – Das System (rowohlt, 2021)

Gelesen: 25. – 27.05.2021, netto 514 Seiten

Aus irgendeinem Grund liebe ich Bücher mit einem Setting in LA, mit einem Setting in der Bandenwelt respektive der Polizeiarbeit des LAPD.

Ryan Gattis hat 2016 mit dem wirklich großartigen Buch über die Rodney King Riots (Titel: In den Strassen die Wut) bereits ein echtes Highlight geschaffen. Ich habe keine Ahnung warum ich Safe (2018) links liegen gelassen habe … mit Das System spielt sich Ryan Gattis endgültig nach ganz oben in meiner persönlichen LA Crime Liga.

Das Buch startet am 06.12.1993 um 21:18 und endet 19.01.1994 um 14:52. Und über diese kurze Zeitspanne erklärt uns Ryan Gattis Das System (kurz für Strafjustizsystem). Und am Ende lernen wir das Das System am Ende ist. Verkackt. Vergewaltigt von den Gangstern. Betrogen von den Cops. Verschachert von den Staatsanwälten.

Ryan Gattis lässt dabei die Protagonisten Zug um Zug erzählen, linear und dabei immer den Staffelstab weiterreichend.

Was lernen wir? Junkies können leben retten und sind doch immer Spielball. Dealer können überleben und nichts zur Rechtsfindung beitragen. Bewährungshelfer helfen vor allem sich selbst. Cops wollen einfach lebend nach Hause kommen. Staatsanwälte machen Deals und Karriere. Strafverteidiger wollen einfaches Geld. Und normale Menschen kommen immer unter die Räder und werden in Schubladen gepackt … und zwar solange bis sie sich dort zuhause fühlen.

Und im Knast? Da sind die wirklich wichtigen Bosse, langfristig verurteilt und von ihren besten Leuten umgeben. Und da werden die wirklich wichtigen Entscheidungen getroffen. Und nur da.

Alles, aber auch wirklich alles an dieser Geschichte kommt wahr rüber – exakt so stell ich mir die Welt da drüben vor. Und der Erzählfluss über eine Oral History ist dermaßen gelungen, einfach klasse.

Ryan Gattis – Das System ( (c) Rowohlt Verlag, 2021)

Wow – eine großartige Geschichte und eine staubtrockene Anklage. Weg mit dem System. Es ist eine Perversion.

Soundtrack dazu: Anti-Flag – Their System Does Not Work For You, was sonst?

PS: Und Das System?

Das System besteht aus drei eigenständigen Instanzen …

  1. Gesetzvollzug, beispielsweise durch Polizei und Sheriffs
  2. Gerichtsverhandlung, etwa durch Richter, Staatsanwälte, (Straf-)Verteidiger und juristische Angestellte
  3. Straffvollzug und Überwachung, zum Beispiel durch das Gefängnispersonal, Kontrolle deines Bewährungsurteils oder Hafturlaubs
  4. Sie arbeiten zusammen, um die Rechtsstaatlichkeit in einer zivilisierten Gesellschaft aufrechtzuerhalten

PPS: Und Ryan Gattis? Der erzählt was …

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.481

Antti Tuomainen – Klein Sibirien (Rowohlt, 2020)

Gelesen: 02. – 07.10.2020, netto 312 Seiten

Die Finnen sind schon lustige Menschen. Das Land der Rallyefahrer. Das Land der Trinker. Das Land der trockenen Christen. Das Land ganz oben, im dunklen, an der Grenze zu Russland. Das Land der Seen. Das Land des Schnees.

Und genau in diesem Milieu begleiten wir den Pfarrer Joel, der sich fast schon Hollywood like als Afghanistan Veteran entpuppt und damit dem unorganisierten (Finnischem) und organisierten (Russischem) Verbrechen in die Quere kommt.

Es geht um eine Million Euro in der Form eines Metallmeteoriten, der dem Rallyefahrer Tavainen durchs Autodach geknallt ist. Der wird im Heimatmuseeum aufbewahrt, ehe Wissenschaftler ihn abholen. 4 Tage Zeit, Begehrlichkeiten zu wecken. Bei notorisch geldknappen Finnen und bei notorisch bösen Russen.

Dazwischen der Pfarrer, der auch noch erkennen muss das seine Frau fremdgegangen ist (da er in Afghanistan durch eine Verletzung unfruchtbar geworden ist kann er nicht für ihrer Schwangerschaft verantwortlich sein).

Wie gesagt: Wunderbar einfasche und schräge Menschen in einer wunderbaren Landschaft. Wunderbar lustige Tote und eine Pfarrer, der im Autopilot zu einer Kampfmaschine wird. Immer lustig, nie böse.

Ich mag solche Bücher, gutes Kopfkino!

Soundtrack dazu: Stalin – Me Ollaan Stalin, was sonst? Das Buch spielt ja in Hurmevaara!

PS: Antii Tuomainen hat ein paar gute Tipps wie wir mit Covid-19 besser klar kommen. Tip #3 sollten all jene beherzen, die zur Zeit die 2te Welle befeuern!

Erstens: Bemühen Sie sich, dort zu leben, wo niemand sonst leben wollte. Ganz einfach. Suchen Sie einfach den unangenehmsten Ort auf der Landkarte, sagen wir zwischen Schweden und Russland, richten Sie sich dort Ihr Zuhause ein und erzählen Sie niemandem, wo Sie sind. Finnland ist ungefähr eineinhalbmal so groß wie das Vereinigte Königreich; es ist fast so groß wie Deutschland. Im Vereinigten Königreich leben 66 Millionen Menschen. In Finnland 5,5 Millionen. In einem Land, das größtenteils aus dichtem Wald und leeren, gut in Schuss gehaltenen Straßen besteht, ist es nicht völlig unmöglich gewesen, diesen Zeiten Rechnung zu tragen.


Zweitens: Reduzieren Sie Ihre Sozialkontakte auf ein Minimum. Wiederum: Leben Sie dort, wo es ohnehin ratsam ist, nicht vor die Tür zu gehen. Hören Sie auf, Kneipen und Cafés zu besuchen und an Veranstaltungen und Abendessen teilzunehmen und … um Himmels willen, hören Sie auf zu reden. Was für einen Nutzen hat das überhaupt? Wir haben nie angefangen zu reden, und schauen Sie, was passiert ist: Wir sind das glücklichste Land der Welt und haben – wären wir nicht zu bescheiden, darauf hinzuweisen – das beste Gesundheitssystem, die beste Bildung und das beste Roggenbrot. Zufall? Das sehen wir anders. Wenn Sie unbedingt darauf bestehen, vor die Tür zu gehen, tun Sie es allein und im Wald.


Drittens: Wenn Sie eine Party veranstalten wollen, veranstalten Sie eine. Nur tun Sie es allein. In Finnland gibt es einen Begriff dafür, wenn man es allein so richtig krachenlässt: «kalsarikänni», etwa «hosenbetrunken» auf Deutsch. Dabei sitzt man zu Hause allein auf dem Sofa, nur in Unterwäsche, betrinkt sich und schläft ein. Und alle werden sich köstlich amüsiert haben.


Viertens – und dieser Ratschlag wird für einige von Ihnen zu spät kommen: Halten Sie Ihre Familie klein. Eine Person ist ideal. Sollten es mehr Personen werden, kann es sein, dass Sie sich mit ihnen unterhalten müssen. Wir haben kleine Familien.

(Quelle: 

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.480

Cormac McCarthy – Die Abendröte Im Westen (Rowohlt, 2016)

Gelesen: 25.09. – 01.10.2020, netto 434 Seiten

Seit über 4 Jahren liegt mein Freund Stefan mir in den Ohren “…das mußt du jetzt aber auch lesen“. Spätestens seitdem ich Das Böse Im Blut gelesen hatte wurde er immer drängender.

Warum? Beide Bücher gucken in die gleiche Ecke und haben letztendlich den gleichen Ansatz: Die Eroberung des Westens war alles andere als eine saubere Sache. Alles andere als Ehrenhaft. Die US of A sind eine Nation die auf Krieg gebaut ist, eine Nation die mehr als eine Kultur ausgelöscht hat.

Wie auch in Das Böse Im Blut begleiten wir einen jungen Amerikaner in den Westen wo er sich einer Gruppe Freischärler anschließt die im noch mexikanischen Teil von Texas Indianer töten (und per Skalp bezahlt werden).

McCarthy trifft dabei den gleichen Level an lakonischer Brutalität (Skalpieren, lebend Häuten, Nekrophilie – you name it) legt aber seinen Focus viel weiter: Er erzählt diese Eroberung des Westens getrieben durch einen Visionär (“Der Richter”) der nicht nur die Welt entdecken will sondern sie sich auch untertan machen will.

Ein wunderbares Buch ohne Hoffnung, ohne Mitleid und ohne Gnade. Und mit einem ganz lakonischen Rhytmus: Vertrag, Apachen suchen, kämpfen, skalpieren, Wüste und Apachen überleben, Vertrag einlösen, Geld verhuren und versaufen, neuen Vertrag machen …

Und das beste: McCarthy schafft eine fast poetische und malerische Beschreibung der Landschaften und der Welt, der sich diese Irren gegenüber sahen.

Und der Richter, ja Stefan, der ist tatsächlich eine Figur von biblischer Größe (und einem Verstand, der trotz allem Blutdurst über dem der gemeinen Bewohner und den noch gemeineren Gästen dieses Landstriches liegt).

Deswegen überlebt er auch.

Soundtrack dazu: The Penetrators – Guns Don’t Argue, was sonst?

PS: Das Buch gilt bis dato als unverfilmbar – selbst Ridley Scott hat es nicht gepackt.