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  • Bücher, schnell gelesen: 1.687

    Bücher, schnell gelesen: 1.687

    Ernst Toller – Eine Jugend In Deutschland (Die Andere Bibliothek, 2024)

    Gelesen: 20. – 24.02.2024 (netto 293 Seiten)

    Im Original 1933 in Amsterdam erschienen, wo Ernst Toller schon seit 1932 im Exil lebte (und dann zügig über London in die US of A emigrierte).

    Die Biographie von Ernst Toller ist schon eine typische für die Zeit: Aus gutbürgerlich-jüdischer Familie in Posen, aufgezogen an einer preußischen Schule im besten preußischem Sinne: Autoritär, Militärisch und Nationalistisch. Obwohl der kleine Ernst sich dort schon für Literatur interessiert, die für die Schule zu modern war.

    Nach der Schule studiert er, in Grenoble (Frankreich), und genießt das Leben. Bis 1914 der Krieg ausbricht und er mit dem letzten Zug via der Schweiz nach Deutschland zurückgeht … um mit Begeisterung und fliegenden Fahnen als Kriegsfreiwilliger in das Königlich-Bayrische Fuß-Artillerie-Regiment in München einzutreten. Hurra!

    Nachdem er zunächst den Krieg begeistert unterstützt erlebt er 2016 einen totalen Zusammenbruch an der Front und wird im Januar 2017 als kriegsuntauglich entlassen, bleibt in München und studiert. Und wird immer mehr zum Kriegsgegner, gründet u.a. den sozialistischen Kulturpolitischen Bund der Jugend.

    Und wird Aktivist: Unterstützt streikende Arbeiter und ist ganz vorne bei der bayrischen Novemberrevolution und der Münchener Räterepublik dabei.

    Als das erzählt Toller trocken, lakonisch und mit einem neutralen Blick, ohne die eigenen Ideale zu verleugnen. Und er erzählt auch vom scheitern der Utopie, von der Gegenrevolution und von seinem persönlichen Scheitern (das am Ende in Festungshaft endet).

    10.000 Mark waren ganz schön viel Geld damals!

    Und er erzählt das mit einem klaren Blick auf die Puzzelteile, die letztendlich im obrigkeitshörigen Deutschland einer echten Revolution im Wege stehen…

    … in München:

    ( (c) Aufbau Verlag, 2024)

    … und in Hamburg sowieso:

    ( (c) Aufbau Verlag 2024)

    Ein spannender Einblick in die Geschichte Deutschland, in die Geschichte die danach die Nazis möglich gemacht hat. Toller selbst floh und erhob seine Stimme aus dem Ausland – am Ende führten seine Dämonen aber dazu das er keine Zukunft mehr sah. Selbstmord 1939.

    Ich mag solche O-Töne aus der Vergangenheit, sowas darf nicht in Vergessenheit geraten.

    Soundtrack dazu: EA 80 – Die Gescheiterte Revolution, was sonst?

    PS: Book Collectors are pretentious assholes – #1916 der nummerierten Erstausgabe!

  • Bücher, schnell gelesen: 1.686

    Bücher, schnell gelesen: 1.686

    Samuel W. Gailey – Die Schuld (Polar Verlag, 2024)

    Gelesen: 13. – 19.02.2024 (netto 293 Seiten)

    Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf.

    Es ist erst Februar und schon ein erster Kandidat für “Best Read 2024“…

    Ein perfektes Jugendbuch. Schade das es wohl nie auf dem Stundenplan für 15-16 Jährige steht. Dabei gibt es doch so viel über Schuld, Schuldgefühle, Flucht und Freiheit (die harte Arbeit ist) zu lernen.

    Hallo Alice!

    Schuldgefühle können tödlich sein und bringen die 15-jährige Alice O’Farrell fast um, nachdem ihr kleiner Bruder versehentlich in ihrer Obhut gestorben ist. Sie sollte doch “nur” auf den Rabauken aufpassen.

    Trauer und Verzweiflung bilden eine giftige Mischung, die sich in ihrer Welt und zwischen ihr und ihrer Mutter ausbreitet. Woraufhin sie ziellos flüchtet. Wegrennt..

    Da Selbstzweifel und Selbstvorwürfe sie quälen, betäubt sie sich mit Alkohol. Jeden Tag wegballern. Alle paar Monate Wohnort (ein Auto oder ein abgewarztes Motel) und Job (Bargirl in … Kaschemmen resp. Table Dance Bars) ändern. Sechs Jahre lang und kein Ende in Sicht. Aber dank des Suffs eh egal.

    Eines morgens wacht sie mit einem Kater neben ihrem ehr miesen Boss auf. Der ist leider Tod, Alkohol und Koks … das Herz. Darauf erstmal einen Drink, dann geht es besser. Leider guckt sie sich um und findet eine Tasche voll mit Geld. Wohl Drogengeld. 91k$. Ne Menge Kohle. Die Option für die nächste Flucht.

    Aber es kommt anders. Obwohl sie die Cops ruft. Aber die kommen nur auf den 2ten Platz … das Rennen machen die Jungs die die Kohle einkassieren wollen. Und 10 Minuten später rockt AC/DC den Laden:

    ( (c) Polar Verlag 2024)

    Und dank ihres Suffs und ihrer Streetsmart-Attitüde ist Alice am Leben und zwei Gangster und zwei Cops sind Tod. Und ihr Boss, der bleibt Tod.

    Und dann ist es endlich soweit: Alice hat genug und flieht. Dorthin, wo sie einmal glücklich war. Und der Boss der Gangster hängt sich an ihre Fersen. Und aus einem Road-Movie mit Rückblenden auf Alice’s Chaos nach dem Tod ihres Bruders wird ein harter Abwehrkampf für Alice.

    Samuel W. Gailey schafft es dabei nicht nur zwei großartige Charakter als Gegenpole aufzubauen (mit wirklich coolen Rückblenden in ihre Kindheit) sondern auch richtig gute Nebenfiguren. Die ganze Story hat Tempo, Hand und Fuß. Perfektes Timing. Coole Sprache.

    Das Kopfkino zündet zuverlässig.

    Und Alice? Vergibt sich ihre Schuld und wird eine trockene Killerin. Und weil sie damit nicht die Heldin in einem Schulbuch sein kann wird es wohl tatsächlich nie in einer Schule im Unterricht vorkommen. Schade – das echte Leben ist die beste Lehre.

    Großartiges Buch!

    Soundtrack dazu: Blind Idiot God – Alice In My Fantasies, was sonst?

    PS: Nur echt mit … Book Trailer

    Und im O-Ton:

  • … charting the unknown: Kilo+++ and Powerplant!

    … charting the unknown: Kilo+++ and Powerplant!

    The beauty of living a short stroll away from your favorite club is that you can make quick decisions like “… i’m up for some live music, let’s stroll down“. And that’s what i did on this Tuesday, lured by the simple fact that one of the bands once graced the Get! Lost! Fest! and both of the bands scheduled would make use of … synthies.

    Early start with doors 1900 and first band 2000 – neat for having a work schedule next day that would take me into the office rather than sleepwalking into home office.

    First band KILO +++ from sunny Groningen, a male/female duo with very simplistic or better minimalistic electronic music with some guitar additions.

    From the start i had a nagging feel of “early 1980s Markthalle” and early “Der Plan“. And indeed in good moments that sounded almost innocent, simple and fresh.

    Kilo+++ (Hafenklang, Hamburg, 13.02.2024 (c) gehkacken.de 2024

    In the long run though it was too simple for me and i also felt the audience, getting larger by the minute, had more sympathy then enthusiasm.

    A fun little gimmick was that they recorded the show on stage on a tape recorder off the sound board and offered to sell the live tape for 10€. Real time release, cool.

    If this sounds interesting to you then check them out at HANDS OFF or listen to their demo.

    Next Powerplant and they kicked off like this:

    Hui, that is much more Umpf than the support! And they got the audience (i guess around 100 folks upstairs, so well filled) moving almost instantaneously. Reading about them on the internet (damn internet, never forgets) i get their setting:

    Powerplant (UA/UK) occurs somewhere in the shadows of synth and post-punk that produces material both ‘sad & happy’, but always dark in both the music and looks. The kind of dark you get at about 9:30pm on a Summer day.
    
    Once a solitary bedroom project of Ukrainian Theo Zhykharyev, that found its footing on the Internet and grew meat around the bone, becoming a full animated live band of London’s best, when joined by members of UK hardcore scene and experimental sound artists.
    

    As said, i had no clue about them and expected little. But they threw a lively show, had speed and some nice soundscapes. Plus the audience moving. And as such i simply enjoyed a live show (of something that was per se not my thingy).

    Powerplant (Hafenklang, Hamburg, 13.02.2024 (c) gehkacken.de 2024

    Nice one and also distinct stage personas: Jackson Irvine double pushing the bass drum forward, Frank Navetta double on strumming chords on the bass, a very agile guitar that also sung and centered … a Beach Boy playing the keyboard.

    Neat entertainment, though i did not buy vinyl. Go check them out for yourself – they have a line in their promo material to that extent too:

    This could be just your kind of thing! And all, all this to walk with our heads high and hearts light. Or at least try. To better days!
    

    It felt a wee bit strange – none of my regular companions attended the show, so i could spend time augmenting the mostly younger (and sometime on the edge of hipsterism) audience. Boy, i felt definitely old if not the oldest in the room.

    Actually i could only complain about those ignoring the “no smoking” signs (surprisingly some), be surprised about the one girl sipping away a bottle of 45% booze smuggled into the venue (alcoholic by 20, congrats) and simply enjoying live music for the sake encountering something new.

    And i was home early. Cool.