Bücher, schnell gelesen: Teil 1.391

Melissa Scrivner Love - Lola (Suhrkamp, 2019)
Melissa Scrivner Love – Lola (Suhrkamp, 2019)

Gelesen: 31.05. – 01.06.2019, netto 382 Seiten

Als Hanseat der zwar aus der Working Class kommt (aber sicher nicht mehr Working Class ist) und im Punk der späten 70er sozialisiert wurde fällt es mir oft schwer die Begeisterung zu verstehen, mit der hier in Deutschland (und in Hamburg) junge Menschen das Ghetto- und Gangsterleben in Los Angeles (in den US of A) als Vorbild nehmen (Youtube, Instagram und dem Rap geschuldet). 

Voller Machismo, voller Gewalt an Schwächeren und vor allem aus dem gnadenlosen Ausnutzen von Menschen. Von Kindern. Von Jugendlichen. Und das ganze natürlich durch und durch Maskulin.

Vorhang auf für Lola! Vorhang auf für South Central, Los Angeles. In Huntington Park haben die Crenshaw Six (die eigentlich viel weniger sind), an 6 Straßenecken das Recht für das mexikanische Los-Liones Kartel Drogen zu verkaufen. 

Hinter dem Anführer der Crenshaw Six steht Lola, eine typische mexikanische Hausfrau. Entsprechend geht das Buch aus los, seitenlang geht um den besten Kuchen während die harten Jungs am Grill stehen.

Dann wird aber klar das Lola der Boss, ist Lola ist nicht nur cleverer sondern auch härter. Da wird aus einem manierlichen Gespräch mit der Freundin eines Großdealers eine schnelle Exekution und da wird der eigene Bruder, Teil der Gang und immer wieder Vollversager, kurzer Hand der Polizei geopfert.

Und da Lola nach oben will, seziert sie das sie umgebene Netz aus Drogenhandel und greift bei der ersten Laufmasche beherzt zu. Und verliert nicht das Ziel aus den Augen mit ihrer Gang aufzusteigen, egal wie viele Tote es gibt.

Dicht, sehr real und mit ausreichend Humor geschrieben. Blutig und hart wo es sein muss, ausschweifend wenn es darum geht die familiären und gesellschaftlichen Zwänge zu beschreiben. Den außer den Drogen gibt es für die Latinos in Los Angeles keinen anderen Weg nach oben. 

Am Ende leider auch ein bisschen unrealistisch, das Kartel hätte ihr sicher nicht erlaubt in die Nähe eines Bosses zu gelangen. Aber ein schöner Kniff ist auch in das Ende gepackt: Die weißen Drogendealer aus der Oberschicht, ja die die keine Angst vor Verfolgung durch die Justiz haben … die haben auch einen weißen und weiblichen Boss, der es schaft im Hintergrund zu bleiben.

Und die Justiz? Die Polizei? Korrupt, was sonst?

Ein tolles Buch, nach Megacool von Jese Mowry das zweitbeste was ich über Drogen, South Central und Los Angeles gelesen habe. Den zweiten Platz teilt sich Melissa Srivner Lover aber mit Joe Ide.

Ich freue mich schon jetzt auf 2020: Da erscheint American Heroin, der nächste Band rund um Lola.

Ach ja: Am Gangsterleben in South Central ist nichts cool. Sondern 100% Risiko – und dein früher Tod ist sicher.

Soundtrack dazu: Manic Hispanic – Brown Girl, was sonst?

PS: Herausgegeben von Thomas Wörtche, ein Qualitätskriterium!

Und Huntington Park?

Und auch mit einem schönen Punk Bezug:

… und das führt uns zu einer extrem coolen Szene:

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.390

Sarah Gran - Das Ende Der Lügen (Heyne Hardcore, 2018)
Sarah Gran – Das Ende Der Lügen (Heyne Hardcore, 2018)

Gelesen: 30. – 31.05.2019, netto 340 Seiten

Von Sarah Gran hatte ich bisher nur ein Buch gelesen und war der Meinung das es bei Hard Case Crime am besten aufgehoben wäre – das stimmt hier auch, aber Heyne Hardcore ist ein ebenbürtiger Ersatz.

Es geht brutal zu, die Heldin quält sich nur dank Drogen, Schmerzmitteln und dem Ausnutzen von anderen Menschen durch den Fall. Den Fall? Nein, eigentlich sind es mehr als einer. Eigentlich sind es alle Fälle (die es gibt).

In einem großen Bogen beschreibt Sarah die Sinnsuche von Claire DeWitt, großspurige „Beste Detektivin der Welt„, im hier und jetzt. Und dabei ist Claire nur glücklich wenn sie Rätsel zu lösen hat. Und so zieht es sie durch die US of A, immer auf der Suche nach einem neuen Rätsel.

Nur um am Ende bei immer gleichen Rätsel aus ihrer Jugend zu landen. Spannend, manchmal verwirrend, oft genial (wenn es um Jacques Silette geht) und wenn notwendig heftig brutal. Mit einem tollen Ende: Wer ahnte schon das es ein Heft #201 von Cynthia Silvertons Groschenheften gibt?

Eine Spur der sinnlosen Gewalt wäre auch eine gute Beschreibung, im Buch bleibt es „Der Fall des unendlichen Asphalts„.

Ich kauf mir jetzt die anderen Claire DeWitt Krimis.

Soundtrack dazu: Occult Detective Club – Calling The Detectives, was sonst?

Und wie ist Sarah so?

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.389

Chan Ho-Kei - Das Auge von Hongkong (Atrium Verlag, 2018)
Chan Ho-Kei – Das Auge von Hongkong (Atrium Verlag, 2018)

Gelesen: 27. – 30.05.2019, netto 555 Seiten

Was für ein Buch! Vordergründig ein typischer Sherlock Holmes Krimi mit einem allwissenden Ermittler. Aber das ist nur Fassade. 

Dahinter lauert eine großartiges Epos das die Geschichte von Hongkong von 1967 bis 2013 nachzeichnet. Und das Rückwärts. Und das ist ein großartiger Kniff, sowas hab ich so noch nicht erlebt: Rückwärtslaufende Cliff-Hänger!

Sherlock ist hier Superindentent Kwan und Watson ist sein Schüler Sonny. Und sie machen sich über 6 großartige Fälle her:

2013 – Die Wahrheit zwischen Schwarz und Weiß
2003 – Gefangenenehre
1997 – Langer Tag
1989 – Die Waage der Themis
1977 – Geborgter Ort
1967 – Geborgte Zeit

Was von außen ehr langweilig klingt ist in der Detailtiefe einfach nur großartig: Eine perfekte Geschichte der Stadt, der Veränderungen (von der britischen Kolonie zur Wirtschaftszentrale Chinas) und der Menschen (Polizisten, Verbrecher und der Rest). Es hilft allerdings wenn der Leser sich vorher ein wenig einließt in diese Geschichte.

Wow, das ist ganz großes Kino!

Soundtrack dazu: Hongkong Garden, was sonst?

Und dann noch ein paar passende Videos:

1967…

1977…

1989…

1997…

 

2003…

2013…