Bücher, schnell gelesen: Teil 1.591

Eryk Pruitt – Das Schnelle Leben (Polar Verlag, 2022)

Gelesen: 31.05. – 04.06.2022 (netto 360 Seiten plus Nachwort)

Herrlich – ein weiterer Kandidat für das beste Anti-Drogen Buch für Jungerwachsene. Warum? Weil die Helden der Story ganz unten sind und es schaffen sich immer tiefer in den Drogensumpf zu arbeiten. Profis halt.

Ihre Namen sind Schall und Rauch, da sie nach jedem Ding, jedem Deal und jedes mal wenn der alte Name verbrannt ist einen neuen annehmen.

Jack ist eigentlich eine Wurst die nix hinbekommt, aber ausreichend brutal und ziemlich clever. Ein guter Hochstapler. Summer ist das Gegenteil, hauptsächlich dicht (was immer knallt wirft sie ein) aber eine geborene Einschmeichler- und Überrederin.

Wenn Leute nicht high genug waren, um nach ihrer Pfeife zu tanzen oder sie interessant zu finden, stopfte Summer einfach ein neues Pfeifchen. Drehte einen weiteren Joint. Endlos immer so weiter, bis sie schließlich ihren Willen bekam.

( (c) Polar Verlag 2022)

Die Story entwickelt sich dabei vom Ausgangsort (Jack & Summer haben ein Kilo Koks geklaut und versuchen das in einem texanischen Collegeort an die Kids zu bekommen) genauso erratisch wie die Tage eines Drogenabhängigen. Sie sind selbst ihre besten Kunden und reißen jeden anderen mit in den Abgrund. Und wenn es irgendwann keinen mehr gibt, dann nehmen sie halt sich selbst.

Eigentlich eine lineare Geschichte, aber Eryk Pruitt nutzt einen kleinen Kniff um dem ganzen die Krone aufzusetzen: Sowie Summer und Jack ihre Namen ändern, wenn sie die Lokation ändern, ändert er auch den Plot. Und von und mit den Drogen kommen wir zur Religion. Und von da zu einer Sekte. Und weiter tief in den Abgrund von Lügen und Abhängigkeiten.

Leichen? Viele! Die beste? Mit einem Bleistift im Hals verreckt. Humor? Schwarz! Tempo? Hoch! Und das beste: Ebenso wie seine Helden hat Eryk Pruitt offensichtlich keine moralischen Bedenken bei der Entwicklung seiner teilweise ganz wunderbar lakonisch und zynischen Geschichte.

Ach ja, passend zu den US of A (und Texas inbesondere) gibt es auch noch eine ordentliche Portion Bigotterie. Und mit religiösen Wahrheiten kehren seine Helden auch mal das Blut eines Jüngers auf.

Ganz großes Kopf-Kino, ich hoffe die anderen beiden Bücher des Autors kommen auch noch in Deutsch. In jedem Fall ein herzliches “Kuck mal, so sieht eine Drogenkarriere aus” Statement.

Da könnt ihr euch dann entscheiden.

Soundtrack dazu: DeRita Sisters – School Free Drug Zone, was sonst? OK, evtl. noch DeRita Sisters – Girls On Drugs!

PS: Und Eryk Pruitt? Dreht auch Kurzfilme mit sich selbst.

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.590

William Boyle – Brachland (Polar Verlag, 2022)

Gelesen: 28. – 30.05. (netto 339 Seiten plus Nachwort)

Yes! Ende Mai, Leseurlaub in DK und ein echter Kandidat für das Buch des Jahres nimmt Besitz von meinem Kopfkino.

Die Geschichte selbst ist winzig, ebenso wie das Viertel aus dem William Boyle seine Welt zaubert. Frauen, Mafia und jede Menge Willkür – von Männern. Aber die Art wie William Boyle die Geschichte voranbringt ist alles andere als klein, die ist ganz groß:

Wie bei einem Leuchtturm trifft das Licht wie im Kreis auf die handelnden Personen und diese … handeln. Und irgendwann denkt der Leser das der Leuchtturm sich schneller dreht … immer schneller und irgendwann muss was aus den Fugen geraten.

Und das tut es auch: Die Saat, die 1991 vom korruptem Cop Donnie Parascandolo gesät wurde, ist 1993 zur Ernte bereit. Und zu dem Toten von 1991 kommen noch mehr Tote – Frauen wie Männer. Und die freundliche Nachbarschaft lüftet ganz kurz die Decke des Schweigens, des Akzeptierens … um diese dann wieder ganz schnell und pragmatisch auszurollen.

Und die Cops? Haben immer keinen Schimmer und werden auch nicht hinzugezogen. Am Ende eine tote Mutter, eine glückliche Tochter, ein toter Ex-Cop, zwei tote Cops und ein glückliches, wenn auch ungleiches Paar.

In diese Welt einzutauchen ist einfach zu schön, vor allem auch wegen der großartigen Referenzen:

( (c) 2022 Polar Verlag)

Aber dabei bleibt es nicht … trotz aller 70er Jahre Mafia Anklänge ist William Boyle einfach smart.

( c) 2022 Polar Verlag)

Eine bessere Warnung vor Crust Punk, Plugs und Tattoos habe ich lange nicht mehr gelesen, Street Smart Mr. Boyle.

Warum ich nichts vom Inhalt verrate? Weil der einfach großartig ist, ihr müsst allerdings euer Kopfkino selbst befeuern. Es lohnt sich!

Soundtrack dazu: Pressing On – Wasteland, was sonst?

PS: William Boyle nennt diesen Film als Referenz, denn die Hoffnung bleibt.

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.589

David Heska Wanbli Weiden – Winter Counts (Polar Verlag, 2022)

Gelesen: 26. – 28.05. (netto 431 plus 18 Seiten Anhang & Essay)

Virgil Wounded Horse hat einen komischen Job: Zu ihm gehen die Lakota im Rosebud Reservat in South Dakota wenn die Stammespolizei oder die staatlichen Behörden (Polizei, Staatsanwälte, Bundespolizei) einen Fall nicht verfolgen. Er ist dann Richter und Strafvollstrecker in Personalunion, bricht Knochen und haut Zähne raus.

Hard-boiled Krimi? Weit gefehlt. Im Grunde ist das ganze Buch eine einzige Anklage Wogegen? Gegen das System der Reservate. Gegen den Raubbau der Amerikaner an der Natur (und dem Boden der Natives).

Im Anhang gibt es eine interessante Statistik:

Über 80 Prozent der Bewohner der Rosebud Reservation sind arbeitslos, über siebzig Prozent von Alkohol und Drogen abhängig, die Selbstmordrate liegt 400 Prozent über dem Landesdurchschnitt, zwei von drei Bewohnern leiden unter Diabetis.

(Nachwort von Thomas Jeier (c) Polar Verlag 2022)

Vernichtung durch Selbstverwaltung? Ja, und auch dieses Thema greift David Heska Wanbli Weiden schonungslos auf – wer staatliche Gelder verteilt hat die Hand auf das Geld. Und natürlich landet es in der eigenen Tasche.

Virgil versucht seinen Neffen auf einem guten Weg zu halten, doch als dieser Drogen probiert und beinahe drauf geht, entscheidet er sich für eine “Ein Mann sieht Rot” Mission. Und muss erkennen das er alleine gegen die mexikanischen Kartelle so gar nichts ausrichten kann.

Die Bundesbehörden, die diese Kartelle auch verfolgen, wollen seinen Neffen nur als Köder nutzen und verkacken die Nummer natürlich, da ihnen die Natives im Grunde egal sind. Am Ende realisiert Virgil das die “Ein Mann sieht Rot” Nummer nicht außerhalb des Reservates durchgezogen werden muss sondern innerhalb.

Hohes Tempo, detaillierte Einblicke in das Leben im Reservat, viel über die Gebräuche der Lakota und bis zum Ende ziemliche Spannung, obwohl der Flow ein wenig darunter leidet das zwischen “hard-boiled” und “native culture” hin- und her gesprungen wird. Aber da beides spannend ist, ist das nicht wirklich hinderlich beim verschlingen.

Und ein paar gute Referenzen…

( (c) Polar Verlag 2022)

Das ganze geht in Serie und da freue ich mich schon auf weitere Folgen.

Soundtrack dazu: Moss Icon – Sorrow, was sonst?

PS: Und David Heska Wanbli Weiden so?