Bücher, schnell gelesen: Teil 1.481

Antti Tuomainen – Klein Sibirien (Rowohlt, 2020)

Gelesen: 02. – 07.10.2020, netto 312 Seiten

Die Finnen sind schon lustige Menschen. Das Land der Rallyefahrer. Das Land der Trinker. Das Land der trockenen Christen. Das Land ganz oben, im dunklen, an der Grenze zu Russland. Das Land der Seen. Das Land des Schnees.

Und genau in diesem Milieu begleiten wir den Pfarrer Joel, der sich fast schon Hollywood like als Afghanistan Veteran entpuppt und damit dem unorganisierten (Finnischem) und organisierten (Russischem) Verbrechen in die Quere kommt.

Es geht um eine Million Euro in der Form eines Metallmeteoriten, der dem Rallyefahrer Tavainen durchs Autodach geknallt ist. Der wird im Heimatmuseeum aufbewahrt, ehe Wissenschaftler ihn abholen. 4 Tage Zeit, Begehrlichkeiten zu wecken. Bei notorisch geldknappen Finnen und bei notorisch bösen Russen.

Dazwischen der Pfarrer, der auch noch erkennen muss das seine Frau fremdgegangen ist (da er in Afghanistan durch eine Verletzung unfruchtbar geworden ist kann er nicht für ihrer Schwangerschaft verantwortlich sein).

Wie gesagt: Wunderbar einfasche und schräge Menschen in einer wunderbaren Landschaft. Wunderbar lustige Tote und eine Pfarrer, der im Autopilot zu einer Kampfmaschine wird. Immer lustig, nie böse.

Ich mag solche Bücher, gutes Kopfkino!

Soundtrack dazu: Stalin – Me Ollaan Stalin, was sonst? Das Buch spielt ja in Hurmevaara!

PS: Antii Tuomainen hat ein paar gute Tipps wie wir mit Covid-19 besser klar kommen. Tip #3 sollten all jene beherzen, die zur Zeit die 2te Welle befeuern!

Erstens: Bemühen Sie sich, dort zu leben, wo niemand sonst leben wollte. Ganz einfach. Suchen Sie einfach den unangenehmsten Ort auf der Landkarte, sagen wir zwischen Schweden und Russland, richten Sie sich dort Ihr Zuhause ein und erzählen Sie niemandem, wo Sie sind. Finnland ist ungefähr eineinhalbmal so groß wie das Vereinigte Königreich; es ist fast so groß wie Deutschland. Im Vereinigten Königreich leben 66 Millionen Menschen. In Finnland 5,5 Millionen. In einem Land, das größtenteils aus dichtem Wald und leeren, gut in Schuss gehaltenen Straßen besteht, ist es nicht völlig unmöglich gewesen, diesen Zeiten Rechnung zu tragen.


Zweitens: Reduzieren Sie Ihre Sozialkontakte auf ein Minimum. Wiederum: Leben Sie dort, wo es ohnehin ratsam ist, nicht vor die Tür zu gehen. Hören Sie auf, Kneipen und Cafés zu besuchen und an Veranstaltungen und Abendessen teilzunehmen und … um Himmels willen, hören Sie auf zu reden. Was für einen Nutzen hat das überhaupt? Wir haben nie angefangen zu reden, und schauen Sie, was passiert ist: Wir sind das glücklichste Land der Welt und haben – wären wir nicht zu bescheiden, darauf hinzuweisen – das beste Gesundheitssystem, die beste Bildung und das beste Roggenbrot. Zufall? Das sehen wir anders. Wenn Sie unbedingt darauf bestehen, vor die Tür zu gehen, tun Sie es allein und im Wald.


Drittens: Wenn Sie eine Party veranstalten wollen, veranstalten Sie eine. Nur tun Sie es allein. In Finnland gibt es einen Begriff dafür, wenn man es allein so richtig krachenlässt: «kalsarikänni», etwa «hosenbetrunken» auf Deutsch. Dabei sitzt man zu Hause allein auf dem Sofa, nur in Unterwäsche, betrinkt sich und schläft ein. Und alle werden sich köstlich amüsiert haben.


Viertens – und dieser Ratschlag wird für einige von Ihnen zu spät kommen: Halten Sie Ihre Familie klein. Eine Person ist ideal. Sollten es mehr Personen werden, kann es sein, dass Sie sich mit ihnen unterhalten müssen. Wir haben kleine Familien.

(Quelle: https://www.rowohlt.de/news/antti-tuomainen-social-distancing)

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.480

Cormac McCarthy – Die Abendröte Im Westen (Rowohlt, 2016)

Gelesen: 25.09. – 01.10.2020, netto 434 Seiten

Seit über 4 Jahren liegt mein Freund Stefan mir in den Ohren „…das mußt du jetzt aber auch lesen„. Spätestens seitdem ich Das Böse Im Blut gelesen hatte wurde er immer drängender.

Warum? Beide Bücher gucken in die gleiche Ecke und haben letztendlich den gleichen Ansatz: Die Eroberung des Westens war alles andere als eine saubere Sache. Alles andere als Ehrenhaft. Die US of A sind eine Nation die auf Krieg gebaut ist, eine Nation die mehr als eine Kultur ausgelöscht hat.

Wie auch in Das Böse Im Blut begleiten wir einen jungen Amerikaner in den Westen wo er sich einer Gruppe Freischärler anschließt die im noch mexikanischen Teil von Texas Indianer töten (und per Skalp bezahlt werden).

McCarthy trifft dabei den gleichen Level an lakonischer Brutalität (Skalpieren, lebend Häuten, Nekrophilie – you name it) legt aber seinen Focus viel weiter: Er erzählt diese Eroberung des Westens getrieben durch einen Visionär („Der Richter“) der nicht nur die Welt entdecken will sondern sie sich auch untertan machen will.

Ein wunderbares Buch ohne Hoffnung, ohne Mitleid und ohne Gnade. Und mit einem ganz lakonischen Rhytmus: Vertrag, Apachen suchen, kämpfen, skalpieren, Wüste und Apachen überleben, Vertrag einlösen, Geld verhuren und versaufen, neuen Vertrag machen …

Und das beste: McCarthy schafft eine fast poetische und malerische Beschreibung der Landschaften und der Welt, der sich diese Irren gegenüber sahen.

Und der Richter, ja Stefan, der ist tatsächlich eine Figur von biblischer Größe (und einem Verstand, der trotz allem Blutdurst über dem der gemeinen Bewohner und den noch gemeineren Gästen dieses Landstriches liegt).

Deswegen überlebt er auch.

Soundtrack dazu: The Penetrators – Guns Don’t Argue, was sonst?

PS: Das Buch gilt bis dato als unverfilmbar – selbst Ridley Scott hat es nicht gepackt.

Bücher, schnell gelesen: Teil 1.479

Ivy Pochoda – Visitation Street (Ars Videndi, 2020)

Gelesen: 16. – 24.09.2020, netto 299 Seiten

Das erste Buch von Ivy Pochoda war mein Buch des Jahres 2019:

Ich habe selten eine so gnadenlos harte Darstellung des realen Lebens und der Kollision von Menschen außerhalb eines Hard-boiled Krimis gelesen. Kriminelle kommen hier auch vor, sind aber nur Realität.

Visitation Street ist ihr zweiter Streich, diesmal auf der gaaaaanz anderen Seite der US of A: Red Hook, Brooklyn, NYC ist die Location. Ein eigentlich vergessener Ort, der kurz vor der Gentrifizierung steht.

Wie auch bei Wonder Valley schafft Ivy Pochoda ein unfassbar dichtes Geflecht von Menschen, Motivationen und menschlichen als auch örtlichen Lebenslinien.

Das ganze betrachten wir wie durch ein Kaleidoskop und drehen dabei die Zeit langsam nach vorne. Lebenslinien streben aufeinander zu und von einander weg. Kreuzen sich friedlich oder mit Gewalt. Haben Wurzeln, in Red Hook oder woanders.

Ivy und die Übersetzerin ins Deutsche, Barbara Heller, schaffen eine tolle Atmosphäre: Zerbrechlichkeit vs. Widerstandskraft, dunkle Geheimnisse die sich als noch schlimmer herausstellen, Zukunftshoffnung vs. Gentrifizierung.

Dazu noch eine clever versteckte Lehrstunde in Sachen „Social Media 1.0“.

Kein Krimi aber wieder durchsetzt mit kriminellen Personen. Die einfach zur Realität gehören. Und das ganze damit so stark machen.

Ganz stark. Definitiv lesen. Bei mir zündet diese Art Bücher das ganz große Kopfkino, dann muss ich nach Bildern suchen um das zu befriedigen. Und, quelle surprise, die Bilder die das Buch erzeugt stimmen mit der Realität überein. Das schaffen nur wenige Autoren so gut – Chapeau Ivy!

Ich glaube für ihre Bücher muss eine eigene Kategorie geschaffen werden, die sind wirklich ganz einzig.

Soundtrack dazu: Zeke – Horror at Red Hook, was sonst?

PS: Was sagt Ivy?

PPS: Wie sind die Menschen in Red Hook so?

PPPS: Und die Läden?